Großer Reibn – Stahlhaus, Wasseralm- Teil 2

TAG 1 – Ramsau bis Carl-Von-Stahl-Haus

Nach einer etwas unruhigen Nacht im Zelt sollte unser Abenteuer schließlich und endlich starten. Wir fuhren vom Zeltplatz, den wir in der Nacht noch suchen mussten, zur Wimbachbrücke in Ramsau. Hier sollte uns in fünf Tagen der Wanderweg wieder ausspucken. So wanderten wir zunächst eine Art Prolog über flache, breite Waldwege, die uns die Möglichkeit gaben unsere Wanderstiefel noch mal neu zu schnüren und die Rucksäcke zu richten. Der weg führte uns zunächst ganz unspektakulär am Fuße des Grünsteins zum Königssee hinunter, wo wir zwischen viele Touristen mit unseren großen Rucksäcken und alpinen Wanderstiefeln doch irgendwie deplatziert wirkten.

Bootshäuser am Ufer des Königssees

In einem der vielen Touristen-Shops habe ich noch schnell eine Wanderkarte erworben, die einerseits praktisch ist und anderseits immer ein schönes Souvenir einer solchen Reise. Ganz nach Hobbit-Manier nahmen wir am Ufer ein zweites Frühstück bestehend aus Butterbreze und Cola ein und machten uns dann an den Aufstieg über den Malerwinkel, der uns nochmal einen schönen Ausblick von unten auf den Königssee und das darüber liegende Steinerne Meer gewährte. Nachdem wir die Talstation der Jennerbahn hinter uns gelassen hatten, wurden es auch immer weniger Menschen an denen wir trotz unserer Rucksäcke vorbeizogen. Der Weg blieb unspektakulär und führte mit moderater Steigung durch den Wald, so waren wir schnell in ein Gespräch vertieft. Erst als wir die Baumgrenze überschritten hatten und die Königsbachalm in Sicht kam wurde uns bewusst wie schnell doch der Morgen vergangen war und wir bereits über zehn Kilometer hinter uns gelassen hatten. Also kehrten wir kurz auf ein kühlendes Bier auf der Alm ein und setzten die Rucksäcke ab. Nun im Rückblick ist es wirklich beeindruckend, wie sehr der Rucksack und die Schuhe an den ersten Tagen drückten, schwer waren und sich falsch anfühlten, doch am Ende fühlte es sich fast falsch an ohne das Gewicht auf dem Rücken und dem engen Stiefel unterwegs zu sein. 20190805_123401.jpg

Nach einer weiteren Stunde nun steilerem Aufstiegs ließen wir den Jenner an uns vorbei ziehen und der Schneibstein kam in Sicht. Auf dem Joch zwischen Hohem Brett und Schneibstein liegt das Carl-Von-Stahl Haus, welches unser erstes Nachtlager sein sollte. Während wir auf der Sonnenterasse saßen und unsere Nasen in Bücher steckten oder die Bergwelten bewunderten, trudelten immer mehr Menschen mit großen Rucksäcken ein. Mit vielen sollten wir die nächsten Abende und Tage verbringen.

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Um 18 Uhr wurde auf der Hütte zum Abendessen gerufen. Stetes Treiben kam auf und schließlich war jeder Sitzplatz in der Gaststube von Wanderern besetzt. Schnell kamen Gespräche auf und man stieß mit Bier auf den Tag an. Mir persönlich war es zu voll und ich hatte keine Lust mich mit Fremden zu unterhalten. Deshalb schnappte ich mir nachdem ich das üppige Abendessen einverleibt hatte mein Skizzenbuch und den Aquarellkasten und verzog mich nach draußen auf die Terrasse. Inzwischen hatte der Wind ziemlich aufgefrischt und man konnte den Wettersturz der angekündigt war förmlich spüren. Mit Einbruch der Dunkelheit kehrte auch langsam Ruhe ein auf dem Stahlhaus. Durch die kurze vorangegangene Nacht rollte ich mich schon vor 10 in meinen Hüttenschlafsack und ließ mich vom Wind der um die Hütte rauschte in den Schlaf wiegen.

TAG 2 – Stahlhaus bis Wasseralm

Gegen 5 Uhr wurde das ganze Matratzenlager von einem markerschütternden Donnergrollen geweckt. Draußen tobte ein alpines Gewitter und mir wurde dabei ziemlich mulmig. Gleich am Morgen sollte uns nämlich unser Weg über den Gipfel des Schneibstein führen. Da es erst in einer Stunde Frühstück gab drehte ich mich noch mal um und döste zum Sturm vor mich hin, fand aber keinen Schlaf mehr. Daher schlich ich mich bald aus dem Bett und schlüpfte in meine Wanderhose, nahm mit eine Decke und ging nach draußen. Der Regen hatte aufgehört es blies jedoch noch ein starker Talseitiger Wind. Ich suchte mir ein windgeschütztes Fleckchen, warf mir die Decke über und begann mit meiner morgendlichen Meditation, die so unfassbar tief war in diesem alpinen Umfeld. Für mich begann damit eine Zeit der Einkehr. Meine Gedanken und Sorgen aus dem Alltag fielen immer mehr von mir ab. Beruf, Verpflichtungen und Pläne rückten in den Hintergrund und ich war bei mir. Seit langem mal wieder das Gefühl in mir selbst zu ruhen. Irgendwann sammelte mich Benjamin dort draußen ein und fragte ob ich mit Frühstücken komme. Mit wenig Hunger zwang ich mir zwei Käsebrote rein und wollte dann schnell los. Das Wetter wurde wieder schlechter und ich wusste, dass heute noch einiges vor uns lag. Wir räumten zügig das Lager und packten die Rucksäcke. Als ich vor die Tür trat knallte mir kalter Wind und Regen ins Gesicht. Halstuch, Jacke und Rucksack-Cover waren angesagt.

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Nach dem ersten Kilometern drehte ich mich um und war noch mal beeindruckt von der Lage und Rauheit des Stahlhauses. Es war ein perfekter Auftakt und der erste hochalpine Tag begrüßte uns mit dem schlechtesten Wetter der gesamten Reise. Die Wege wechselten von breiten Wanderwegen zunächst auf Pfade und schließlich zu alpinen Steigen. Der Stein war glitschig und der Wind zerrte ständig an der Kapuze meiner Regenjacke. Immer wieder wanderte mein Blick an die Felswand vor uns, durch die wir gleich  durchsteigen mussten. Meine Trittsicherheit ließ zu wünschen übrig, deshalb wurde ich immer langsamer. Jeder Schritt wollte mit bedacht gesetzt werden und ich nahm meine Hände öfter zu Hilfe als mir lieb war, dadurch wurden meine Hände eiskalt und meine Laune auch nicht besser. Der Königssee und der Watzmann lagen in einer Nebelsuppe und meine Orientierung litt darunter. Es war wirklich kalt. Nach fast einer Stunde erreichten wir den Grat, der endgültig jeden Schutz vor Wind unmöglich war, aber wenigsten breit genug um normales Gehtempo zu machen. Nach weiteren 30 Minuten erschienen vor uns die Gipfekreuze.

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Ein paar Dohlen saßen am Boden und schrien. Das apokalyptische Bild war komplett als der Wind noch stärker wurde. Wir hatten keine Aussicht und auch keinen Grund länger zu bleiben. Benjamin bot mir einen Schluck heißen Tee aus seiner Flasche an, der ein Wohltat war, dann machten wir uns an den Abstieg in Richtung Windscharte. Der Name kreißte mir durch den Kopf während ich von der Nässe fror. Ich beschloss meine Handschuhe anzuziehen. Wir hatten die vergangenen zwei Stunden schweigend verbracht. Ich war mit mir beschäftigt. Um uns veränderte sich die Landschaft zusehend. Das alpine und raue Schroffengelände wand sich um die Anhebungen des Hagengebirges. Alles fühlte sich außerordentlich einsam an. Die Windscharte stellte sich erfreulicher Weise als sehr windstill dar. Es folgte ein anspruchsvoller Abstieg in ein ausgewaschenes Gletscherkarst. In der Ferne war der Seeleinsee zu sehen, der die Mitte der Strecke darstellte. Nachdem wir für einige hundert Meter an Wasserrinnen und Platten abklettern musste, folgten wir wieder einem Pfad, der sich durch das Tal schlängelte. Die Kreuze der umliegenden Gipfel wirkten surreal nah. Am See angekommen suchten wir uns einen flachen Fels, der unser Mittagstisch sein sollte und labten uns an Brot und Räuchertofu. In der Einfachheit und der Abgeschiedenheit genoss ich dieses schlichte Essen, das ich mit meinem Rucksack auf den Berg gebracht habe jeden Tag mehr. Umso älter das Brot wurde, desto besser schmeckte es mir.

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Nach der Rast folgte direkt ein weiterer Anstieg hinaus auf einen Pass. Von dort öffnete sich das Tal in Richtung des Obersee des Königsee und der Regen hatte auch aufgehört. Das erste Mal an diesem Tag wechselte der Spaß von Kategorie B in Kategorie A. Es kam ein Gespräch auf. Wir lachten und quasselten. Langsam kehrte Flora und Fauna zurück. Neben uns erschien ein Bach und wir passierten verfallene Almen. Wir durchwanderten einen magischen Wald, der zu hoch war, dass Tagestouristen dort hinkamen. Orte die man nur findet wenn man weitwandert. Als der Wald sich öffnete konnten wir auf den Königssee blicken und dahinter lag die mächtig Ostwand des Watzmann. Aus dieser Perspektive habe ich sie noch nie gesehen. Der ganze Berg hat mich während der fünf Tage immer wieder an sich gefesselt und fasziniert, obwohl ich ihn schon überschritten hatte. Ich versuchte die Aussicht so viel wie möglich zu genießen, doch das Gelände wurde zunehmend anspruchsvoller und auch ausgesetzt. Immer wieder mussten wir Felsstürze überwinden, die den eigentlichen Weg abgerissen hatten. Mir ist dabei immer etwas unwohl und ich überquere solche Geröllfelder am liebsten zügig. Es folgte eine Passage mit ordentlichem Anstieg und Steigen die Kraft raubten. Die Uhr zeigte schon lange die eigentlich geplante Tagesdistanz.

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Fast 600 vertikale Meter mussten wir noch überwinden. In meinem Kopf hat ich das Höhenprofil anders in Erinnerung. Das und die Höhe des Weges haben mich ganz schön an meine Grenze gebracht. Nicht die Belastung, sondern mein Kopf. Ich hatte den Höhemesser meiner Uhr im Auge und ich wusste, dass die Wasseralm auf 1700 Metern liegt und war froh als die Höhe angezeigt war. Der Weg bewegte sich nun auch endlich weg vom Abhang und der Blick führte nicht überall in die gähnende Tief. Ich habe wohl in den letzten Jahren etwas Respekt vor Höhe bekommen, wenn ich nicht im Seil hänge. Doch nun schlängelte sich der Weg durch hohe Farne. Der Wasserfall rauschte weit entfernt. Fast prähistorisch wirkte die Natur. Unberührt und wild. Ich fantasierte, dass wir wohl für immer diesen Pfad laufen werden und niemals die Lichtung in der die Wasseralm liegt erreichen werden, doch dann wurde das Dickicht durchlässiger, man hörte Menschen und da lag sie vor uns. Ein zurückgezogener Ort ohne Strom und Handyempfang. Das Trinkwasser kommt aus der Quelle und die Wiesen werden nicht gemäht. Die Wasseralm besteht aus drei Holzhütten, dazwischen stehen Bänke. 40 Menschen können hier schlafen, an diesem Abend sind alle Betten belegt gewesen. Nachdem wir unser Nachtlager bezogen haben setzten wir uns an den Fluss und aalten uns in der Sonne, die sich nun endlich zeigte. Das Gefühl der Heimlichkeit wurde nur noch größer als eine der Hüttenwirtinnen und persönlich zum Abendessen holte. Der vergane Gemüseeintopf schmeckte nach dem langen Tag umso besser, dass ich mir sogar noch eine zweiten Teller holte.

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Viel schneller wurde es hier im Talkessel zwischen Hagengebirge und Funtenseetauern dunkel. Wir beendeten den Tag mit einem Enzian, wie er hier auf der Hütte noch gebrannt wird. Ich legte mich ins Bett und las mit Stirnlampe noch etwas. Am nächsten Morgen erzählte man mir, dass noch Hirsche zum äsen auf die Lichtung kamen. So viel Magie an einem Ort hätte ich nicht erwartet.

Route

Unser Plan war es das Gebirge rings um den Königsee einmal gegen den Uhrzeigersinn zu durchwandern. Dabei wir das Gelände von Etappe zu Etappe anspruchsvoller von einfachem Wanderweg bis zu leichter, ausgesetzter Kletterei in niedrigem Grad. Die Etappen teilten wir wie folgt ein:

Tag 1 – Ramsau über den Malerwinkel zum Carl-von-Stahl-Haus (16 km 1000hm)

Tag 2 – Stahlhaus zur Wasseralm (12km 1100hm)

Tag 3 – Wasseralm zum Kärlingerhaus am Funtensee (8km 800hm)

Tag 4 – Kärlingerhaus über Riemannhaus zur Ingolstädter Hütte (12 km 1100hm)

Tag 5 – Ingolstädter Hütte über Wimbachgries nach Ramsau (14 km 400hm)

Im vorherigen Post habe ich schon über die Vorbereitung geschrieben.

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