Die Rückkehr der Kassette

Als ich 13 war, war der Walkman eigentlich schon ein alter Hut. Allerdings hatte ich für mich gerade erst die Magie der Musik für mich entdeckt. Nach und nach strömte Punkrock in mein Leben. Zuhause lief zwar die CD, aber auf dem Weg in die Schule war stets dieses eine Millencolin-Tape dabei. Beim Skaten war die ‚Fresh Fruits for Rotting Vegetables‘ von den Dead Kennedys einer meiner liebsten Soundtracks. Später kamen Slayer und Blind Guardian dazu. Keine dieser Kassetten war gekauft, die waren freilich alle überspielt von der CD. So kam es nun, dass ich die letzten Jahre immer weiter in den Underground des Black Metals und seiner Nachbarn abgetaucht bin. Dort geht es nicht darum möglichst viele Alben zu verkaufen oder berühmt zu werden sondern um den künstlerischen Ausdruck. Da wird unheimlich viel Zeit und Kreativität in die Gestaltung von physischen Releases gesteckt. So kamen im letzten Jahr immer mehr Platten in meine Sammlung und auf den Plattenspieler von denen es nur wenige hundert gibt. Aber immer wieder stolperte ich bei Bandcamp über Veröffentlichungen die weder auf CD (die ich eh nicht kaufen würde weil sie seelenlos ist) oder Schalplatte erscheinen, sondern als Musikkasette.

Was ist den bitte kauziger, als eine handbeschriftete Kasette in einem Jewel Case. Mit Schuber, Booklet und dem ein oder anderen Gimmick. Und das auch noch für kleines Geld und mit wenig Versankosten. Das knacken der Nadel auf dem Vinyl wird ersetzt durch das statische Rauschen auf dem Magnetband. Ja es ist total widersinnig ein eigentlich totes Medium wieder zu erwecken. Aber eigentlich auch nicht. Denn nie war es einfach Musik an den Mensch zu bringen. Gerade bei Black Metal braucht man kein großes Publikum, sondern nur einige wenige, die verstehen was man da gerade sagt. So kam es, dass ich seit einer Woche wieder einen Walkman besitze. In der Post lagen jetzt auch schon drei Tapes. Noch eins aus Australien ist unterwegs. Insgesamt haben mich die Tapes so viel gekostet wie eine einzige Schallplatte. Da kann man auch mal wieder blind nach Cover kaufen. So wie ich das früher gemacht habe und nicht wenige Bands die mich geprägt haben so entdeckt habe.

Jetzt kann man sich fragen, warum ich dafür überhaupt Geld ausgebe, weil ich doch ohne Zusatzkosten alle Musik dieser Welt auf Spotify oder YouTube hören könnte. Für mich ist es ein Unterschied ob ich Musik höre oder ob ich Musik besitze und sie für mich abspiele. Es geht um Wertschätzung. Gerade kleine Bands und Musiker werden und wollen nicht von ihrer Musik lesen, aber ich finde sie sollten Wertschätzung erlangen, dadurch dass man ihre physischen Releases kauft, besitzt und hört. Vielleicht komme ich jetzt auch in dieses Alter in dem man nostalgisch wird. Meine selbstüberspielte Millencolin MC war mir als Jugendlicher mehr wert als die meisten CDs die ich am Ende meiner Teenie-Zeit besass. Und wenn ich Abends nun vor meinem paar hundert Schallplatten stehe oder eine Kassette in meinem Walkman stecke, dann durchströmt mich ein warmes Gefühl der Glückseligkeit. Das ist meine Musik, jede Veröffentlichung habe ich bewusst und gut überlegt ausgewählt, weil sie nicht nur Geld kostet, sondern auch Platz in meinem Regal wegnimmt.

Da ich in den 90ern groß wurde, sind Schallplatten eher weniger präsent gewesen. Das Jahrzehnt des Plastik hat mich voll erfasst, aber meine ersten Alben waren MCs. Schallplatten hör und sammle ich nun seit 15 Jahren. Aber Kassetten sind seit 25 Jahren ein Teil meiner Hörgewohnheiten. Zeit diesem Medium wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Zeit die seltensten und kauzigsten Releases zu jagen, auf Flomärkten zu wühlen und die Untiefen des Internets zu durchwühlen. KAUFT MEHR TAPES!

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