Mein neuer kratziger Pullover

Seit Jahren redeten wir darüber, dass ich gerne einen handgestrickten Pullover besitzen würde. Wir waren schon soweit, dass ich nur noch Wolle hätte kaufen müssen. Aber immer wieder kamen wir vom Weg ab. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass es doch komisch ist, wenn ich mir von jemand der mir nahe steht Kleidung herstellen lasse. So kniff ich. Das letzte Mal als wir darüber redeten wie schön handgefertigte Kleidung ist, blätterten wir anschließend durch ein Buch in dem Abbildungen von typisch schottischen Strickmustern abgebildet waren, weil wir über den Strickkurs redeten, in dem sie gelernt hat, wie man ein solch traditionelles Kleidungsstück anfertigte und kaum erwarten konnte ihr neues Wissen anzuwenden.

Ein Muster gefiel mir besonders gut. Das sagte ich. Tage später bat sie mich ihr doch einen meiner gutpassenden Pullover zu leihen um Maßnehmen zu können. Schließlich rückte mein Geburtstag näher. Ich schickte ihr meinen liebsten schwarzen Pullover. Sie erzählte mir, dass sie Shetland Wolle gekauft hat, diese aber kratzig sei und sie hoffe, dass mich das nicht stört. Es störte mich nicht, sagte ich. Dann kehrte lang Schweigen ein. Ich ging davon aus, das Projekt würde sie wie alle anderen Anläufe vorher im Sande verlaufen, weil ich nicht mehr nachfragen werde und sie nicht die Zeit aufbringen würde, ein so großes Werkstück herzustellen.

Ich täuschte mich jedoch. Am vergangen Freitag kam ein Paket an. Oben auf ein Zettel „Lieber Florian, ich wünsche dir viel Spaß mit deinem neuen Pullover und hoffe dass er passt. Steffi“. Ich nahm den in Papier eingeschlagenen Pullover aus dem Karton und hielt ihn mir an die Wange. Er kratzte, selbst durch meinen Bart spürte ich die raue Patina der schottischen Highland. Sofort zog ich ihn über den Kopf. Als die Schurwolle über meine nackten Unterarme strick, kribbelte alles, die Haut juckte, mein großflächig tattoowierter Arm, dessen Nervenenden etwas empfindlicher sind als die der restlichen Haut brannte förmlich. Ich war sofort verliebt. Das war mein Pullover, der nur für mich hergestellt wurde. In Stunden von pingeliger Kleinarbeit mit Nadeln aus Garn zusammen gefasst. Seit zwei Tagen Trage ich, ausser im Bett und wenn es zu warm wurde, diesen Pullover.

Das Wetter passt gerade ganz wunderbar dazu. Seit zwei Tagen peitscht der Wind den Regen gegen Fenster und Dach. Die Katzen ziehen es vor neben mir auf der Couch zu sitzen. Weil der Pullover so wunderbar warm und kratzig ist, brauche ich keine Heizung. Ich weiß nicht wann mir ein Kleidungsstück so viel Wohlbefinden beschert hat. Ich hoffe er wird lange mein neuer Begleiter. Ich fantasiere uns schon auf langen Bergtouren, nachdem ich ausgesetzt der frischen Luft und des harten Winds auf dem Grat, zum Einbruch der Dämmerung endlich an der Hütte ankomme, den Pullover aus dem Rucksack ziehe und mich in das kratzige Wärmegefühl verliere. Oder wie wir an Frühsommerabenden, die dazu neigen noch schnell kalt zu werden, wenn das Licht erst mal über den Horizont gekippt ist, auf Wiesen sitzen und der Korpus meiner Gitarre gegen die Brust drückt.

Du kannst die teuerste Kleidung kaufen, für zu viel Geld, sie wird sich nie so anfühlen wie etwas was nur für dich hergestellt wurde. Danke Steffi, für dieses essentielle Teil meiner Garderobe.

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James Clear „Atomic Habits“

Viele Menschen sagen von mir, ich sei diszipliniert. Ich selbst halte mich für ziemlich faul. Ich mache Dinge die mich anstrengen eher selten freiwillig, aber mir geht einfach viel leicht von der Hand, weil es eine Angewohnheit ist. Oder in unsere aktuellen Neudeutsch ein Habit. Und nicht vergessen, dabei immer schön Mindfull bleiben! Aber genau diese kleinen Habits erleichtern mir mein Leben. Die Angewohnheit haarklein alle meine Aufgaben in mein Bullet Journal, gemeinhin Notizbuch genannt, zu schreiben, sorgt dafür dass mir (fast) nichts mehr durch die Lappen geht. Journaling ist als eine gute Angewohnheit. Seit ich tracke wann ich Alkohol trinke, trinke ich deutlich seltener Alkohol. Viel und regelmäßig Alkohol zu trinken ist ein schlechte Angewohnheit und mein Habittracker ist mein Werkzeug mit etwas abzugewöhnen. Das waren nun zwei Bespiele für Habits und wie sie mein Leben schon vorher verbessert haben. So bin ich auf James Clears Buch Atomic Habits aufmerksam geworden.

James ist Blogger, ehemaliger Baseball-Profi und Personaltrainer. Eine typisch amerikanische Karriere. Irgendwann hat er mal einen schweren Unfall gehabt und wäre fast gestorben, dadurch wurde er zu einem neuen Menschen, das kennen wir doch jetzt schon unter anderem aus „Miracle Morning“ und von „Finding Ultra“? Aber diese Nahtod-Erfahrung hat in Clears Buch gar nicht so viel Gewicht. Er leitet damit ein Kapitel ein um aufzuzeigen wie er sich vom Kleinsten ins Größte hocharbeitet. Er verteilt alles was man tut in Angewohnheiten,  Good Habits und Bad Habits, und gibt dann Anleitungen wie man die guten verstärkt und am Ball bleibt, aber auch wie man schlechten Gewohnheiten den Raum nimmt und diese schwächt. Manchmal ist der Weg zum eigentlichen Ziel nicht so steil wenn man ein paar Kurven und Umwege fährt. Und wenn ich einen Berg hochlaufen will mach ich kleine, schnelle Schritte, die möglichst ohne Kraftaufwand passieren, sonst komme ich nämlich sicher nicht im Laufschritt oben an, wenn ich überhaupt ankomme.

Atomic Habits lässt sich sehr leicht lesen, auch englisch. Es ist verständlich geschrieben und durch die Zusammenfassungen jedes Artikels am Ende bleibt extrem viel hängen. Ich würde das Buch Leuten empfehlen, die sich schwer tun mit konstantem Training, Ziele häufig nicht erreichen oder einfach schnell zurück in alte Muster verfallen. Auch Menschen, die jetzt schon ein sehr achtsames und positives Leben führen können aus dem Buch Inspiration ziehen. Allerdings gibt das Buch keinen einzigen Lösungsweg vor. Es ist somit kein klassisches Selbsthilfebuch, sondern eine Inspiration. Mich hat es unter anderem dazu inspiriert dieses Blog hier anzulegen und endlich mal wieder ohne Grenzen und Einschränkungen zu schreiben. Seit kurzem nehme ich wieder meine Gitarre in die Hand. Etwas was ich versuche seit ich 15 bin zu erlernen. Nun mit fast 33 habe ich endlich die Motivation und die Methode gefunden regelmäßig zu üben. Kritisch zu sein und das nur weil ich es als tägliche Angewohnheit angenommen habe nach der Arbeit 15 Minuten zu üben.

Ich habe hier absichtlich nichts verlinkt. Wer sich für das Buch oder James Clear interessiert, der ist sicherlich in der Lage eine Webrecherche durchzuführen. Solltet ihr das Buch lesen lasst mich doch wissen wie ihr es fandet!

Ein Leben als Fußgänger

Das Auto wir ja immer als das Lieblingsthema der Deutschen bezeichnet. Mir sind Autos so was von egal. Im Idealfall haben sie vier Räder, die, wenn man das möchte, sich auch noch drehen. Bei meinem letzten Auto tun sie das nun nicht mehr oder nur noch unter Protest. Also freut sich nun ein Exporthändler über ein mittelmäßig gepflegtes Familienauto mit Dachgepäckträger. Und ich bin erst mal nur noch Fußgänger. Wie geht das jetzt also plötzlich autofrei zu leben?

Es ist nun fünf Jahre her, dass ich mir das erste Mal ein eigenes Auto kaufen musste. Ich war gerade Vater geworden und der Kleinwagen war irgendwie nicht groß genug für den Kinderwagen und den ganzen Kram, den man meint mitschleppen zu müssen. Als junge Eltern stellt man sich auch einfach ziemlich an. Also musste ich ein größeres Auto kaufen. Ich hatte gerade erst angefangen zu arbeiten. Tatsächlich hatte ich just mein erstes volles Gehalt als Architekt bekommen. Da ist man natürlich der Meinung man müsste nun ein großes, teures Auto kaufen. Über meine Naivität kann ich heute nur den Kopf schütteln. Dabei zu lächeln fällt mir irgendwie schwer.

CUT – Fünf Jahre später: Ich stehe im Autohaus, in welchem der silberne Diesel gerade auf der Hebebühne steht. Von unten kann man in den Motorraum schauen, der eigentlich gar nicht mehr so aussieht wie ein solcher. Man stellt sich da immer so Öl-triefend und schmutzig vor, doch ich sehe nur ein paar Kabel und einen zerfledderten Keilriemen, der da heraushängt zwischen dem vielen Plastik, und das sollte er eigentlich nicht machen. Glaube ich. Im Laufe der nächsten Tage stellt sich heraus, dass nicht nur der Keilriemen, sondern noch ein paar andere Teile nicht mehr funktionieren oder kurz davor sind kaputt zu gehen. Der Wagen ist finanziert und noch nicht komplett abgezahlt. So etwas nennt man einen wirtschaftlichen Totalschaden. Ich spüre wie in mir langsam eine Krise hochkocht. Sich Panik breit macht und Verzweiflung aufkeimt. Mir wird immer deutlicher, dass ich nun wohl kein Auto mehr habe. Ich versuche mich zu beruhigen. Andere versuchen mich zu beruhigen. Es nervt.

Mit jeder Stunde, in der ich meine Identität als Fußgänger mehr akzeptiere, wird der Gedanke angenehmer. Ja, es fühlt sich fast befreiend an. Nachdem ich durchgerechnet habe, wie viel ich jährlich an Steuern und Versicherungen für einen Gegenstand zahle, der mir eigentlich nur den geringen Komfort bereitet meine Wasserkiste nicht vom Supermarkt nach Hause zu tragen, muss ich wieder über meine Naivität den Kopf schütteln. Diesmal kann ich dabei sogar schmunzeln.

Seit gestern lese ich mir die verschiedenen Modelle und Angebote der Carsharinganbieter durch und vergleiche Wochenendtarife von Leihwagen-Ketten. Dabei komme ich zum Schluss, dass ein Leben ohne Auto ziemlich sorgenfrei sein kann und zumindest für jemanden wie mich, der in der Stadt wohnt, ziemlich unkompliziert möglich ist. Dabei spart man sich auch ordentlich Kohle und die Umwelt wird auch wieder etwas entlastet. Nun gilt es herauszufinden ob das wirklich alles so reibungslos funktioniert. Ich gebe mir dafür einen Versuchszeitraum von sechs Wochen. Genau dann geht nämlich der Camper wieder in die Zulassung und ich habe zumindest ein fahrtüchtiges, wenn auch nicht für den Stadtverkehr geeignetes, Fahrzeug.

Wer noch geheime Tipps hat für das Leben ohne Auto lasst mich daran bitte in den Kommentaren teilhaben!

Die Spülmaschine ist kaputt

Als ich vor 6 Jahren in die erste eigene Wohnung gezogen bin, habe ich eine Küche kaufen müssen. Für die, damals für mich unvorstellbare Summe von 1.600 €, habe ich diese im einzigen Möbelhaus der Stadt gekauft. Besonders wichtig war damals, dass ich eine Spülmaschine habe, weil ich spülen hasste. Genau diese Spülmaschine ist jetzt kaputt. Seit zwei Wochen spülen wir mit der Hand. Und was soll ich sagen es ist eine extrem meditative Beschäftigung.

Es hat sich schon seit Monaten angekündigt. Immer wieder mussten wir das lose Rohr im Innenraum der Maschine zurück an seinen Platz drücken und die Maschine ein zweites Mal durchlaufen lassen, weil das Geschirr nicht sauber wurde. In Deutschland gibt es zwar kein tatsächliches Wasserproblem, aber für Menschen, die auf ökologisches und nachhaltiges Handeln wertlegen, ist es doch irgendwie schmerzhaft, dass man wegen einem blöden Defekt ständig die doppelte Menge Wasser braucht, aber auch die doppelte Menge Strom. Alle Reparaturversuche, vom Sekundenkleber bis zum Gaffa-Tape, haben nicht zum Erfolg geführt. Eigentlich sage ich immer wieder, dass Dinge reparieren ein revolutionärer Akt ist, doch in diesem Falle ist wohl die Revolution gescheitert. Wir könnten uns zwar ohne Probleme eine neue Spülmaschine leisten, doch die letzten zwei Wochen, in denen wir mit der Hand spülen mussten, haben sich einige positive Effekte eingestellt. Die Küche ist ein wenig unser Sorgenkind. Da wir im Mehrgenerationen-Haus leben und meine Oma klarstellte, dass sie auf einen eigenen Herd und eigenen Kühlschrank besteht, weil sie nur so selbstbestimmt leben kann, musste ich damals, als ich das Haus saniert hab,e entscheiden, dass wir mit zwei kleinen Küchenzeilen in einer Küche leben müssen. Das führt natürlich zu Platzmangel und Platzmangel führt notgedrungen zum Chaos. Da die Spülmaschine ja jetzt nicht mehr als Lagerstelle für benutzes Geschir zur Verfügung steht, muss man also direkt alles abspülen. Dafür braucht man Platz, um das Geschirr abzutrocknen. Also brauche ich einen leeren Küchentisch. Was abgetrocknet ist kommt an seinen Platz und nix steht rum. Wenn ich etwas benutzt habe spüle ich das gleich ab. Bei einem Wasserglas oder einer Teetasse geht das genauso schnell, als würde man es in die Maschine stellen und später, falls diese ihren Dienst getan hätte, gespült ausräumt. Und mit Musik macht auch nach dem Kochen eine Großspülaktion Spaß.

Auf kurz oder lang wird wohl wieder ein Gerät bei uns einziehen. Aber ich hab mir fest vorgenommen immer mal wieder zu hinterfragen, ob ich ein einzelnes Glas nicht doch schnell mit der Hand spüle, oder ob der Teller auf dem ich mein Frühstücksbrot geschmiert habe, jetzt wirklich drei Tage in der Spülmaschine eintrocknen muss, oder ob ich ihn jetzt nicht einfach schnell abwasche.