Die Rückkehr der Kassette

Als ich 13 war, war der Walkman eigentlich schon ein alter Hut. Allerdings hatte ich für mich gerade erst die Magie der Musik für mich entdeckt. Nach und nach strömte Punkrock in mein Leben. Zuhause lief zwar die CD, aber auf dem Weg in die Schule war stets dieses eine Millencolin-Tape dabei. Beim Skaten war die ‚Fresh Fruits for Rotting Vegetables‘ von den Dead Kennedys einer meiner liebsten Soundtracks. Später kamen Slayer und Blind Guardian dazu. Keine dieser Kassetten war gekauft, die waren freilich alle überspielt von der CD. So kam es nun, dass ich die letzten Jahre immer weiter in den Underground des Black Metals und seiner Nachbarn abgetaucht bin. Dort geht es nicht darum möglichst viele Alben zu verkaufen oder berühmt zu werden sondern um den künstlerischen Ausdruck. Da wird unheimlich viel Zeit und Kreativität in die Gestaltung von physischen Releases gesteckt. So kamen im letzten Jahr immer mehr Platten in meine Sammlung und auf den Plattenspieler von denen es nur wenige hundert gibt. Aber immer wieder stolperte ich bei Bandcamp über Veröffentlichungen die weder auf CD (die ich eh nicht kaufen würde weil sie seelenlos ist) oder Schalplatte erscheinen, sondern als Musikkasette.

Was ist den bitte kauziger, als eine handbeschriftete Kasette in einem Jewel Case. Mit Schuber, Booklet und dem ein oder anderen Gimmick. Und das auch noch für kleines Geld und mit wenig Versankosten. Das knacken der Nadel auf dem Vinyl wird ersetzt durch das statische Rauschen auf dem Magnetband. Ja es ist total widersinnig ein eigentlich totes Medium wieder zu erwecken. Aber eigentlich auch nicht. Denn nie war es einfach Musik an den Mensch zu bringen. Gerade bei Black Metal braucht man kein großes Publikum, sondern nur einige wenige, die verstehen was man da gerade sagt. So kam es, dass ich seit einer Woche wieder einen Walkman besitze. In der Post lagen jetzt auch schon drei Tapes. Noch eins aus Australien ist unterwegs. Insgesamt haben mich die Tapes so viel gekostet wie eine einzige Schallplatte. Da kann man auch mal wieder blind nach Cover kaufen. So wie ich das früher gemacht habe und nicht wenige Bands die mich geprägt haben so entdeckt habe.

Jetzt kann man sich fragen, warum ich dafür überhaupt Geld ausgebe, weil ich doch ohne Zusatzkosten alle Musik dieser Welt auf Spotify oder YouTube hören könnte. Für mich ist es ein Unterschied ob ich Musik höre oder ob ich Musik besitze und sie für mich abspiele. Es geht um Wertschätzung. Gerade kleine Bands und Musiker werden und wollen nicht von ihrer Musik lesen, aber ich finde sie sollten Wertschätzung erlangen, dadurch dass man ihre physischen Releases kauft, besitzt und hört. Vielleicht komme ich jetzt auch in dieses Alter in dem man nostalgisch wird. Meine selbstüberspielte Millencolin MC war mir als Jugendlicher mehr wert als die meisten CDs die ich am Ende meiner Teenie-Zeit besass. Und wenn ich Abends nun vor meinem paar hundert Schallplatten stehe oder eine Kassette in meinem Walkman stecke, dann durchströmt mich ein warmes Gefühl der Glückseligkeit. Das ist meine Musik, jede Veröffentlichung habe ich bewusst und gut überlegt ausgewählt, weil sie nicht nur Geld kostet, sondern auch Platz in meinem Regal wegnimmt.

Da ich in den 90ern groß wurde, sind Schallplatten eher weniger präsent gewesen. Das Jahrzehnt des Plastik hat mich voll erfasst, aber meine ersten Alben waren MCs. Schallplatten hör und sammle ich nun seit 15 Jahren. Aber Kassetten sind seit 25 Jahren ein Teil meiner Hörgewohnheiten. Zeit diesem Medium wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Zeit die seltensten und kauzigsten Releases zu jagen, auf Flomärkten zu wühlen und die Untiefen des Internets zu durchwühlen. KAUFT MEHR TAPES!

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IM TUNNEL

Es ist 8:21 Uhr, Sonntagmorgen, ich stehe in einer Menschenmenge. Meine Laufuhr zeigt einen Ruhepuls von 83 Schlägen pro Minute an. Das ist viel im Vergleich zu meinen 50 Schlägen die ich sonst habe wenn ich still irgendwo stehe und nichts tue. Ich bin wohl etwas aufgeregt. Aus den Lautsprechern die man hier extra aufgestellt hat dröhnt Musik, die ich nicht mag. Ich krame meine Kopfhörer aus der Hosentasche. In den letzten Wochen und Monaten hat sich ein Lied in meinem Kopf gebrannt, das ich immer wieder hörte während der vielen Laufkilometer die ich in den letzten drei Monate absolviert habe. Ich drehe mich um und sage zu meinen Begleiterinnen „Ich muss mich jetzt einlaufen!“. Meine Kopfhörer springen an und ich höre den Rhythmus der mir so vertraut ist.

WILD BOYS
WILD BOYS
WILD BOYS

Ich laufe die ersten Schritte des Tages. Weg von der Startlinie. In die andere Richtung. Mir gehen meine Haben-Seite durch den Kopf, die ich mir erarbeitet habe. In meinen Beinen stecken 987 Kilometer. Das heißt ich werde heute im Laufe dieses Vormittags die Marke von Eintausend überschreiten. Das gibt mir Selbstvertrauen. Viele Einheiten waren schnell. Einige an meiner Schwelle. Ich bin zwei mal weiter als zur Marathonmarke gelaufen und das nicht sonderlich langsam. Es ist Zeit an den Start zu gehen. Zwei Umarmungen und die Kopfhörer wieder in der Hosentasche verschwinden lassen. Der Song war noch nicht zu Ende. Wenn ich es brauche kann ich einfach nur auf den Knopfdrücken und wieder einsteigen. Mir mein Gefühl wieder holen.

THE WILD BOYS ARE CALLING

ON THEIR WAY BACK FROM THE FIRE

Der Puls ist noch weiter angestiegen. Die Menschen drängen in Richtung des Startbogens, doch halten Abstand zur Startlinie. Außer den Profis tritt keiner weiter nach vorne. 1 Minuten bis zu Start. Ich trete nach vorne. Meinen Zustand könnte man als austrainiert bezeichnen. Würde ich das Rennen konservativ angehen wäre der Finish sicher.  Ich reihe mich direkt hinter den Profis ein. Gertenschlanke Männer und Frauen in sehr knappen Klamotten. Kein Gramm Fett am Körper. Ich schaue sie mir aus der Nähe an. Ich stehe in den vorderen 10 Prozent des Starterfelds. Es manifestiert sich der Entschluss nicht konservativ zu laufen. Der Startschuss fällt. Ich starte meine Uhr. Ich bin im Tunnel.

IN AUGUST MOON´S SURRENDER TO

A DUST CLOUD ON THE RISE

WILD BOYS FALLEN FAR FROM GLORY

Die ersten Kilometer vergehen so schnell. Ich bin zu schnell. Ich laufe ein Tempo das sehr sicher zu einem Ausfall führen wird. Ich laufe im Tempo des Erstplatzierten mit. Bei einem Blick auf meine Uhr sagt diese, ich würde für das Zurücklegen eines Kilometers aktuell 3 Minuten und 42 Sekunden brauchen. Das ist zu schnell. Ich kann mich nicht bremsen. Mein Puls ist inzwischen dort wo er beim Laufen sein sollte, aber nicht so hoch wie ich es erwartet habe. Nach 3 Kilometern beginnt die erste von zwei großen Steigungen durch einen Wald. Das weiß ich. Ich beschließe mich von ihr bremsen zu lassen. Es ist jetzt schon warm. Ich schwitze und versuche den Flüssigkeitshaushalt jetzt schon unter Kontrolle zu halten und beginne zu trinken. Ich knalle in den ersten Anstieg über knapp 200 vertikale Meter. Zunächst bremst es meinen Schritt kaum. Immer noch nur knapp über vier Minuten auf den Kilometer. Dann wird es steiler und es trifft mich wie eine Wand ins Gesicht. Ich lasse mich bremsen. Stark sogar. Es folgt ein Aufstieg, der mich körperlich und psychisch fordert. Nein, ich erklimme keinen Berg. Das ist ein Hügel. Aber in meinem Kopf ist es ein Gebirge. Ich beginne zu verhandeln welche Zeit ich für mich als Zielzeit akzeptieren könnte und was eine Enttäuschung wäre. Ich werde überholt. Ich verliere den Anschluss an die Führungsgruppe. Damit war zu rechnen. Es ärgert mich mehr als es sollte. Der Anstieg ist beendet und kippt in einen langen Downhill. Ich presse meine Beine in den Asphalt. Ich werde schneller spüre wieder Luftzug im Gesicht. Im Kopf rechne ich was für einen Schnitt ich laufen müsste um die verlorene Zeit am Berg wieder auszugleichen und Laufe 10 Sekunden schneller als notwendig. Ich beschließe das es jetzt nach knapp 10 Kilometern Zeit wird mich von der Musik tragen zu lassen. Die Kopfhörer geholt. In die Ohren gesteckt.

RECKLESS AND SO HUNGERED

ON THE RAZORS EDGE YOU TRAIL

BECAUSE THERE´S MURDER BY THE ROADSIDE

IN A SORE AFRAID NEW WORLD

Plötzlich zwei lachende Gesichter die ich jetzt noch gar nicht erwartet habe, die Rufen, die Jubeln, die sich freuen. Mein Herz macht einen Sprung. Ich fliege förmlich um die letzte Kurve des Abstiegs. Es folgt eine lange flache Passage. Ein anderer Läufer mit dem ich Tempo halte läuft neben mir. Ich nehme seine Schrittfrequenz an. Versinke in meiner Musik. ich bestehe kurze Zeit nur noch aus Atmen und Schritten. Es ziehen mehrere Dörfer an mir vorbei. Menschen die jubeln. Feuerwehrleute die die Straße für die Läufer sperren. Ich laufe weiterhin 10 Sekunden schneller auf den Kilometer als ich müsste um in meiner Wunschzeit ins Ziel zu kommen. Doch ich weiß auch, dass noch zwei Anstiege vor mir liegen, die zwar kürzer, aber dafür steiler sind. Ich muss mir einen Puffer erarbeiten, denn ich werde gehen. Das Tal ist durchquert und der Anstieg kommt. Er zieht sich vorbei an einem Kloster, dass ich früher als Bauleiter betreut habe. Viele der alten Sandsteinquader sind meinem Freunde. Gute Bekannte aus einer alten Zeit. Ich habe inzwischen um die 1500 Kalorien verbrannt und noch keine zugeführt. Ich verbrenne Fett, aber das geht nur wenn mein Puls niedriger wird. Der befindet sich am oberen Ende der Skala. Mir geht es schlecht. Später wird mir dieser Eindruck bestätigt. Ich sah wohl auch so aus. Ich schraube mich eisern den Hügel hoch. Ich muss jetzt gehen sonst springt mir das Herz aus der Brust. Ich werde wieder überholt. Ich lasse für einen Moment alle Ambitionen ziehen. Das wird nix mehr.

THE TRIED TO BREAK US

LOOKS LIKE THEY´LL TRY AGAIN

Ich entscheide mich nun Kräfte zu sammeln. Das Gelände der nächsten fünf Kilometer ist flach. Die Aussicht ist großartig. Ich sammle nicht nur Energie. Auch meine Zuversicht kehrt zurück. Ich kann mein Ziel immer noch erreichen. Ich muss noch einen Anstieg meistern und dann liegen nur noch 20 Kilometer vor mir, die größtenteils flach sind oder bergab führen. Ich esse während ich den letzten Anstieg hinaus marschiere einen halben Riegel. Er schmeckt nicht und ich muss mich dazu zwingen zu schlucken. Kurz muss ich würgen. Ich kämpfe es nieder. Ich drehe die Runde über das Hochplateau. Ein sagenhafter Tag. Es wäre eine Verschwendung ihn nicht zu nutzen um etwas monomentales zu schaffen. Ich donnere in den Abstieg. Ich stürze zurück in meinen Tunnel. Ich laufe nur noch. Ich weiß nicht mehr wie schnell. Es ist egal. Ich gebe alles was ich habe.

WILD BOYS NEVER LOSE IT

WILD BOYS NEVER CHOOSE THIS WAY

WILD BOYS NEVER CLOSE YOUR EYES

WILD BOYS ALWAYS SHINE

Ich bin seit dem zweiten Anstieg immer in der nähe eine Gruppe gelaufen. Ich habe von der Dynamik profitiert. Ich habe mich erholt und nun konnte ich alles entfesseln. Ich breche aus der Gruppe heraus und setze mich ab. Kurz darauf erscheint vor mir eine Läuferin die von einem Mountainbike begleitet wird. Es ist die erste Frau und das Begleitrad der Veranstaltung. Ich bin schneller. Ich ziehe vorbei. Ich donnere mit leichten Schritten ins Tal. Ich trinke dabei die letzten Schlucke Wasser die ich noch dabei habe. Mein Magen verdaut schon länger nichts mehr. Ich biege um eine Kurve. Dort stehen wieder F. und meine Mama. Wie verabredet meine letzter Schub für die letzten 10 Kilometer. Ein Lächeln von einem geliebten Menschen wirkt für mich mehr als Doping. Ich lächle ihnen zu, weil ich will, dass sie wissen, dass es mir besser geht. Das ich das nach Hause bringe. Als am Straßenrand ein Schild die 32 Kilometer-Marke anzeigt überschlage ich im Kopf wie lange ich noch brauche wenn ich in dem Tempo weiterlaufe. Nun muss ich wirklich lächeln. Das wird weh tun, doch es wird sich lohnen. 5 Kilometer vor dem Ziel überholt mich die erste Frau wieder. Ich gönne es ihr. Ich bin mir sicher dass sie das für sich so geplant hatte. Mich überholt jedoch in ihrem Schatten auch ein weiterer Läufer. Er hat einen lustigen Schnauzer. Später werde ich erfahren, dass er Peter heißt und wir dieses Jahr noch einen weiteren Lauf gemeinsam bestreiten werden. Peter überholt mich, bleibt aber dann knapp vor mir. Man hört nun die Samba-Gruppe die am Ziel spielt. Noch drei Kilometer. 14 Minuten bei meinem aktuellen Tempo.

YOU GOT SIRENS FOR A WELCOME

THERE´S BLOODSTAIN FOR YOUR PAIN

AND YOUR TELEPHONE BEEN RINGING WHILE

YOU´RE DANCING IN THE RAIN

Peter ist immer noch vor mir. Ich bin müde. Meine Kraft lässt nach. Ich werde ihn nicht mehr überholen können. Im Kopf gönne ich ihm den Zieleinlauf. Peter hat offensichtlich die selben Gedanken. Als wir um die letzte Kurve biegen wird er plötzlich langsamer. Ich laufe fast in ihn hinein. Ich ziehe vorbei. Wir schauen uns lächelnd in die Augen. Wir wissen beide das wir heute gekämpft haben. Ich laufe durch den Kurpark. Um den runden Brunnen. Menschen schauen verdutzt. Ich glaube ich gebe ein lustiges Bild ab, wie ich völlig abgekämpft mit meinem langen Bart da renne. Überglücklich weil ich jetzt weiß, dass ich mich selbst übertroffen habe. Mich besiegt hab. Schmerzen und Nervosität überlaufen habe. Das ich heute einen unfassbaren Sieg einfahre. Ich denke an meine Schulzeit, als ich der kleine übergewichtige Junge war, der beim Sport immer versagt hat. Ich denke an meinen alten, ruppigen Sportlehrer, der mir sogar eine Fünf für den Cooper-Test eintragen musste. Ich wünschte er könnte mich jetzt sehen.

WILD BOYS WONDER WHERE IS GLORY

WHERE IS ALL YOU ANGELS

NOW THE FIGUREHEADS HAVE FELL

AND LOVERS WAR WITH ARROWS OVER

SECRETS THEY COULD TELL

Meine Uhr zeigt 42 Kilometer. Ich laufe durch eine Unterführung. Ich sehe den Zielbogen. Ich höre einen sehr laute mit gut vertraute Stimme. „Verdammt noch mal, zieh! Da geht noch was!!!“, sagt sie mir. Und ich mache das alles. Ich laufe so schnell es meine Beine hergeben. Biege auf die Aschebahn die die letzten 200 Meter mein Weg sein werden und mein Puls springt heute das erste Mal über 200 Schläge pro Minute. Ich laufe über die Ziellinie und die Uhr bleibt bei 03:25:56 stehen.

WILD BOYS ALWAYS SHINE!

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EPILOG:

Als ich später im Kreise meiner Familie sitze und gierig Käsespätzle esse erfahre ich, dass ich in meiner Altersklasse den 3. Platz erreicht habe. Alle am Tisch klatschen. Ich bin komplett verwirrt. Was für ein großartiger Tag!

Privilegien

[Editorial: Im Folgenden schreibt der liebe Sebi etwas über seine Gedanken, die er sich so macht über sein Leben, warum das so ist und an was es liegt. In unserer Gesellschaft ist etwas nicht mehr richtig. Warum ist das so? Die Frage stelle ich mir immer wieder. Und dann stelle ich mir oft die Frage: Was kann ich dagegen tun?

Ja, in unserer Gesellschaft ist etwas nicht mehr richtig. Das spüren wir alle. Bei Manchen entwickelt sich daraus Wut und Hass. Andere verzweifeln daran und zerbrechen. Manche beschließen etwas zu ändern und tun etwas dagegen. So habe ich entschieden, dass ich nicht nur noch für mich versuche meinen Kosmos, mein Umfeld besser zu machen, sondern auch für andere einzustehen. Ich habe beschlossen politisch wieder aktiv zu werden. Ich bin einer Partei beigetreten und organisiere mich nun. Welche und warum hat hier aktuell noch nichts verloren. Doch bevor ich das Wort an meinen geschätzten Gastautor übergebe möchte ich kurz mit Kettcar einstimmen. ]

VON DEN VERBITTERTEN IDIOTEN NICHT VERBITTERN LASSEN

Ein Gastbeitrag von Fleggo

Es geht mir gut. Verdammt gut sogar. Das muss ich mir immer wieder bewusst machen, denn viele Privilegien, die ich genieße habe ich einfach. Ich habe sie nicht vor Augen, da sie für mich einfach normal sind. Ab und zu bekomme ich sie dann aber vor Augen geführt und in letzter Zeit wurde mir erst so richtig klar, dass es wahrscheinlich nicht viele Menschen gibt, die es von den Voraussetzungen her leichter haben als ich. Warum? Ganz einfach.

Ich bin weiß. Leider immer noch ein Privileg. Ich bin Europäer.

Leider immer noch ein Privileg. Eins, für das viele tausend Menschen jährlich sterben. Wortwörtlich. Weil sie hier her kommen wollen. Nein. Weil sie nicht da bleiben können, wo sie leben wollen.

Ich bin männlich. „Gender-Pay-Gap“, „#219a“. Leider immer noch ein Privileg.

Ich bin eine Kartoffel. In Deutschland geboren zu sein ist sogar innerhalb Europas noch ein Privileg. Leider.

Das ist aber auch nur das Offensichtlichste. Das, worüber diskutiert wird, was sich momentan, zumindest in Teilen, wandelt. Es geht aber noch viel weiter:

Ich bin gesund. Leider ein viel zu oft unterschätztes Privileg.

Ich habe eine tolle, ebenfalls gesunde Familie!

Ich bin erwachsen. Ja, auch das ist ein Privileg. Siehe #FridaysForFuture, wo tausende SchülerInnen einfach nicht ernst genommen werden.

Ich kann im Großen und Ganzen tun und lassen was ich will. Dinge, in denen ich mich einschränke, schränke ich mich freiwillig ein. Ein unfassbares Privileg.

Und für all das kann ich (fast) nichts.

Ich finde es ist enorm wichtig, sich das immer wieder selbst bewusst zu machen. Denn gerade wenn es einem so gut geht verliert man das aus den Augen und erachtet es als normal, vielleicht sogar als „verdient“. Doch das ist nicht so. Das meiste ist einfach nur pures Glück. Und oftmals erkennt man das gar nicht. Ab und an wird man aber damit konfrontiert. Das zu erkennen, zu reflektieren und vielleicht das eigene Verhalten dem etwas anzupassen kann dazu führen, dass alle etwas von den eigenen Privilegien haben.

Hier noch ein paar der Dinge, die mir in letzter Zeit gewaltig vor Augen geführt haben, wie gut es mir selbst eigentlich geht:

100$ Race

Broilers – Ich will nicht hier sein

„HalbeKatoffl“-Podcast

Oder einfach Menschen, die keine „Bio-Kartoffeln“ sind und aus ihrer Sicht berichten. Immer und immer wieder. Zum Beispiel:

Twitter Thread

Ein Bericht über die Arbeit von Menschen, die den Content auf Facebook filtern müssen

Fleggos Album des Jahres 2018

[GASTBEITRAG]

Eigentlich wollte ich schon lange was bloggen. Eigentlich sollte es dabei auch um Musik gehen. Allerdings ist mein Blog so Sport fokussiert, dass ein „Albumreview“ eigentlich nicht passt. Eigentlich hatte ich den Gedanken also verworfen.

Irgendwie ging es dem Herrn Hut da ähnlich und wie es der Zufall manchmal so will haute er einen neuen Blog raus ins weite Netz und startete mit einem Beitrag zu seinem Album 2018. Eigentlich ein Gedanke, den ich auch hatte. Diesen teilte ich ihm dann sogleich mit, verbunden mit einem Lob für sein tolles Review und schwuppdiwupp hatte ich von ihm die Einladung meinen Text hier zu veröffentlichen. Eigentlich nicht schlecht oder? Eigentlich! Denn: Was genau schreibe ich denn jetzt eigentlich?

Mir schwirrt schon lange der Gedanke im Kopf einfach eine kleine Artikelserie im eigenen Laufblog zu starten und vielleicht einmal wöchentlich einen Song aus meiner Laufplaylist vorzustellen. Warum ist er auf der Liste, was ist das Besondere daran usw. Da ich das aber sehr gut mit dem Thema meines Blogs verbinden kann muss ich darüber ja nicht hier schreiben. Also nehme ich den eigenen und von Flo bereits verarbeiteten Gedanken auf und Schreibe etwas zu meinem Album 2018: Gaijin von Kmpfsprt.

Bei der Fülle an starken Alben, die gerade Anfang des Jahres herausgekommen sind (Donots – Lauter als Bomben, Feine Sahne Fischfilet – Sturm und Dreck, Radio Havannah – Utopia, später ZSK – Hallo Hoffnung, Adam Angst – Neintology) überrascht es mich selbst, dass es für mich so eindeutig ganz oben steht. Wie man an der Auflistung sieht ist – zumindest was die von mir tatsächlich physikalisch gekauften Alben angeht – die musikalische Bandbreite nicht so riesig. Die Alben sind alle stark, aber Gaijin ist komplett. In sich stimmig. Von vorne bis hinten. Es ist eine Platte, die von Anfang bis Ende Vollgas gibt. Ganz selten, aber immer passend, werden, wenn auch nur kurz, ruhigere Momente eingeschoben in einen der 11 Songs eingeschoben.

Inhaltlich baut das Album eine umfassende Gesellschaftskritik auf, die vom ganz Kleinen bis zum Großen reicht:

Das Album startet Mit „Trümmer“ direkt auf der persönlichen Ebene:

„Die limitierten Sneaker stehen zuhause in der Ecke

Weil ich sie besitze geht mein Fame bald durch die Decke

Was im Rest der Welt passiert ist mir eigentlich egal

Ich muss WhatsApp noch erzähl’n wie die Yogastunde war“

Der Chorus steigert sich dann im Vorwurf an ‚Versagen‘ des Einzelnen:

„Tanz Tanz

Auf den Trümmern der Welt

Tanz Tanz

Auf dem Rhythmus von Geld

So viel Chancen

Aber niemals dafür Zeit“

Song 2 – Schwarz – schafft den Bezug zum Albumtitel (Gaijin – Außenseiter) und damit ein Gruppengefühl. Auch wenn man sich nicht direkt damit identifizieren kann, kann man sich doch trotzdem absolut hineinversetzen. Ähnlich kenne ich das am ehesten von Kraftklub (Zwei Dosen Sprite).

Nachdem geklärt ist, auf welcher Seite man steht geht es ans Große:

„Und lauthals singt der Chor

das Schlimmste steht uns noch bevor

wenn wir nicht auf die Straße gehen.

Denn mit Pauken und Trompeten

wird die Welt kaputt getreten

wir stehn nicht länger daneben

wir stehn dagegen“ Pauken & Trompeten (Song 3)

„Überall auf der Welt

sind die Särge schon bestellt.

Stehen bereit bis irgendeiner wieder durchdreht

und in Windeseile wieder neuen Hass sät.“ Kreuze (Song 4)

In Wucht, Inhalt und Qualität hält die Platte von Anfang bis Ende das hohe Niveau des Anfangs und schafft es gegen Ende sogar sich nochmal selbst zu übertreffen. Die drei Titel, die in meinen Augen nochmal einen Tick über den anderen stehen möchte ich besonders herausheben, ohne viele Worte darüber zu verlieren. Hört vielleicht einfach mal rein:

Asche (8)

„Egal woher wir kommen, es zählt nur wohin wir gehen!“

Freut euch nicht zu spät (9)

„Du hast die Rolex doch ich hab die Zeit

Du hast auch den Benz doch ich hab’s nicht weit!“

Herzschrittmacher (11)

„Ich nehme nicht in Kauf, dass der Hass uns niederschlägt. Pass auf dein Herz auf!“

[Editorial Note]:

Danke mein lieber Fleggo für dein Einblick, für den Tipp und für deine Bereitschaft zur Partizipation. Musik ist der Soundtrack zu diesem völlig verrückten Film, in dem wir leben und gehört wohl für mich und für viele andere dazu wie die Luft zum Atmen.

Dieser Blog gehört nicht mir, jeder darf hier partizipieren, ich bin nur der Chefredakteur, der nix zu melden hat! Wer also was schreiben will unter der dem Banner dieser Seite, der darf das gerne tun. Schreib mir doch einfach ne Email!


50 Minuten Polarkreis

Mein Album des Jahres 2018 – Noorvik – Noorvik

Als vor etwa acht Jahren Streaming-Dienste wirklich bekannt und erfolgreich wurden, haben viele das Ende der Musikbranche prophezeit. Gar apokalyptische Szenen wurden gezeichnet, von Weltstars, die plötzlich nicht mehr hauptberuflich Musiker sein können. Alles ist nicht passiert. Im Gegenteil, es war nie so einfach für kleine, noch unbekannte Bands Musik öffentlich zu machen. Und sind wir mal ehrlich, die kleinen Musiker, die ich so schätze, die die Musik machen die mich berührt, konnten noch nie von Plattenverkäufen leben, genauso wenig wie von einer Tour. Es wurden häufig Alben auch kostenlos zum Download angeboten um die Musik die man gemacht hat möglichst vielen Menschen zur Verfügung zu stellen. Ein Autor schreibt doch seine Bücher auch damit sie gelesen werden. Musiker wollen dass ihre Musik gehört wird. Davon leben wäre schön, aber gelingt nun mal den wenigsten.

Trotzdem hat Streaming bei mir einiges an Hörgewohnheiten verändert. Früher kaufte ich ein Album, zunächst auf CD, später digital und hörte dieses Album immer wieder komplett durch. Ich liebe Alben, ich sehe sie als Gesamtwerk und es missfällt mir einzelne Teile heraus zu nehmen. Aber durchs Streaming habe ich begonnen einzelne Lieder in eine oder verschiedenen Playlists zu werfen und diese auf Shuffle zu hören. Aber ich höre weiterhin ganze Alben, wenn auch nicht mehr so oft wie früher. Aber durch die einfache Verfügbarkeit höre ich besonders viele verschiedene Platten. Die letzten Tage habe ich viel gegrübelt welches Album mir besonders wichtig ist, welches heraussticht. Ich kam auf keinen grünen Zweig. Als ich gestern dann aber im frostigen und verschneiten Frankenwald laufen war und mir dachte, dass es hier gerade aussehe wie in Alaska oder Kanada kam mir plötzlich der Gedanke an dieses eine Album, das ich ständig hörte, manchmal täglich. Es war das Album Noorvik der gleichnamigen Band. Noorvik spielen progressiven Postrock und kommen gänzlich ohne Gesang aus. Das lässt Raum zur Interpretation. Die Titel der Songs geben einen Hinweis wo sich der Ort befindet, der da musikalisch gemalt wird. Ich lasse mich gern dort hin entführen.

https://bandcamp.com/EmbeddedPlayer/album=2157331778/size=large/bgcol=ffffff/linkcol=0687f5/tracklist=false/transparent=true/

DENALI

Synthesizer mit viel Echo leiten den Song ein, ein Gitarren-Pick im Duett steigt ein, ein ruhiges Schlagzeug. Während dem ganzen Stück steigert sich die Intensität und die Härte, als würde man auf eben diesen titelgebenden höchsten Berg Nordamerikas steigen. Dramatik und Harmonie. Härte und Hoffnung. Kurz kehren wir zum ruhigen Anfangsriff zurück bevor der Song in seinem Finale gipfelt und sich der Spannungsbogen in den fast fünfminütigen Klimax ergießt und in ruhigen Synthie klängen verklingt.

SHISHALDIN

Das ist Vulkan zwischen Ost-Kanada und Island. Von den Ureinwohnern, den Aleuten, wurde der Berg Sisquk genannt, was so viel heißt wie „Der Berg der mir den Weg zeigt wenn ich mich verirrte habe“. Das Stück beginnt aufwühlender, schwerer und bedrückender. Ein Basslauf bildet das Rückgrat auf dem Gitarren stoisch tanzen. Das Schlagzeug drängt sich kurz nach vorne, bevor mächtige Riffs die Tür aufstoßen und Harmonien über den Bass ergossen werden. Bedrohlich wartet man auf den nächsten Ausbruch des Vulkans und wird nicht enttäuscht. In der letzten Minute kommt es zur Eruption des wahrscheinlich stärkstem Riff der Platte.

MALASPINA

Dieses Riff ergießt sich in den nächsten Song und wird von harten Gitarren aufgefangen, die den Hörer in ruhigere Sphären bringt, mein erster Gedanke war ein kalter Fluss, der sich durch raue Natur schlängelt. Kein Lebewesen, nur die Harmonie der unberührten Wildnis. Diesem Flusslauf kann man nun Folgen bis zu seinem Ursprung aus dem Malaspinagletscher an der südlichen Pazifikküste Kanadas, der zu den größten Vorlandgletschern dieser Erde zählt. Auch der Song kommt dort nach etwa viereinhalb Minuten an und die Harmonien bauen sich zu gewaltigen Gitarrenwänden auf, die sich anfühlen wie die zerklüfteten Gletscherspalten.

CHUGACH

Dem Sägezahn-Profil einer Gebirgskette folgend beginnt der Song, um direkt in einen ruhigen Part zu wechseln, der den einzigen gesprochenen Text der gesamten Platte enthält, in dem ein Sprecher über die Stadt Noorvik. Namensgebend ist hier jedoch die Chugach-Gebirgskette im Golf von Alaska. Und spätestens wenn nach 5 Minuten eine Doublebass Druck in den sonst eher ruhigem Lied aufbaut, weiß man dass der Song die unterschiedliche Flora und Fauna des US-Bundesstaats Alaska umschreibt. von wilden Wäldern bis zu einsamer Tundra.

KOBUK

Besinnlich und fast schon still beginnt das Stück, das nun wirklich einen Städtenamen trägt. Man kann es an urbanen Klängen erahnen, die sich wie die Morgensonne klar und grell durch verschneite Straßen ergießt. Die Stimmung baut sich viel ruhiger auf als bei den anderen Stücken der Platte. Es strahlt Freude aus, als würde sich nach einem langen Winter die ersten Anzeichen des Frühlings zeigen. Hoffnung lässt sich nicht wegdiskutieren.

TURNAGAIN

Beim letzten Song des Albums ist das Thema des Wassers wieder klar erkenntlich. Behaglich fließen wir zunächst durch den Arm des Wasserwegs, der den Golf von Alaska mit dem Cook Inlet verbindet. Die härteren Töne kehren zurück und beleuchten den am dichtesten zivilisierten Teil Alaskas. Drohend, ermahnend wirkt der Song. Wie viel Recht hat der Mensch sich dieses Wildnis zu eigen zu machen, wohlwissentlich, dass jedes Land in das die Menschheit ihren Fuß gesetzt hat für immer verändert wurde. Mit dieser Dramatik spuckt einen Noovik wieder zurück in die Realität.