Mein neuer kratziger Pullover

Seit Jahren redeten wir darüber, dass ich gerne einen handgestrickten Pullover besitzen würde. Wir waren schon soweit, dass ich nur noch Wolle hätte kaufen müssen. Aber immer wieder kamen wir vom Weg ab. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass es doch komisch ist, wenn ich mir von jemand der mir nahe steht Kleidung herstellen lasse. So kniff ich. Das letzte Mal als wir darüber redeten wie schön handgefertigte Kleidung ist, blätterten wir anschließend durch ein Buch in dem Abbildungen von typisch schottischen Strickmustern abgebildet waren, weil wir über den Strickkurs redeten, in dem sie gelernt hat, wie man ein solch traditionelles Kleidungsstück anfertigte und kaum erwarten konnte ihr neues Wissen anzuwenden.

Ein Muster gefiel mir besonders gut. Das sagte ich. Tage später bat sie mich ihr doch einen meiner gutpassenden Pullover zu leihen um Maßnehmen zu können. Schließlich rückte mein Geburtstag näher. Ich schickte ihr meinen liebsten schwarzen Pullover. Sie erzählte mir, dass sie Shetland Wolle gekauft hat, diese aber kratzig sei und sie hoffe, dass mich das nicht stört. Es störte mich nicht, sagte ich. Dann kehrte lang Schweigen ein. Ich ging davon aus, das Projekt würde sie wie alle anderen Anläufe vorher im Sande verlaufen, weil ich nicht mehr nachfragen werde und sie nicht die Zeit aufbringen würde, ein so großes Werkstück herzustellen.

Ich täuschte mich jedoch. Am vergangen Freitag kam ein Paket an. Oben auf ein Zettel „Lieber Florian, ich wünsche dir viel Spaß mit deinem neuen Pullover und hoffe dass er passt. Steffi“. Ich nahm den in Papier eingeschlagenen Pullover aus dem Karton und hielt ihn mir an die Wange. Er kratzte, selbst durch meinen Bart spürte ich die raue Patina der schottischen Highland. Sofort zog ich ihn über den Kopf. Als die Schurwolle über meine nackten Unterarme strick, kribbelte alles, die Haut juckte, mein großflächig tattoowierter Arm, dessen Nervenenden etwas empfindlicher sind als die der restlichen Haut brannte förmlich. Ich war sofort verliebt. Das war mein Pullover, der nur für mich hergestellt wurde. In Stunden von pingeliger Kleinarbeit mit Nadeln aus Garn zusammen gefasst. Seit zwei Tagen Trage ich, ausser im Bett und wenn es zu warm wurde, diesen Pullover.

Das Wetter passt gerade ganz wunderbar dazu. Seit zwei Tagen peitscht der Wind den Regen gegen Fenster und Dach. Die Katzen ziehen es vor neben mir auf der Couch zu sitzen. Weil der Pullover so wunderbar warm und kratzig ist, brauche ich keine Heizung. Ich weiß nicht wann mir ein Kleidungsstück so viel Wohlbefinden beschert hat. Ich hoffe er wird lange mein neuer Begleiter. Ich fantasiere uns schon auf langen Bergtouren, nachdem ich ausgesetzt der frischen Luft und des harten Winds auf dem Grat, zum Einbruch der Dämmerung endlich an der Hütte ankomme, den Pullover aus dem Rucksack ziehe und mich in das kratzige Wärmegefühl verliere. Oder wie wir an Frühsommerabenden, die dazu neigen noch schnell kalt zu werden, wenn das Licht erst mal über den Horizont gekippt ist, auf Wiesen sitzen und der Korpus meiner Gitarre gegen die Brust drückt.

Du kannst die teuerste Kleidung kaufen, für zu viel Geld, sie wird sich nie so anfühlen wie etwas was nur für dich hergestellt wurde. Danke Steffi, für dieses essentielle Teil meiner Garderobe.

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Großer Reibn – Stahlhaus, Wasseralm- Teil 2

TAG 1 – Ramsau bis Carl-Von-Stahl-Haus

Nach einer etwas unruhigen Nacht im Zelt sollte unser Abenteuer schließlich und endlich starten. Wir fuhren vom Zeltplatz, den wir in der Nacht noch suchen mussten, zur Wimbachbrücke in Ramsau. Hier sollte uns in fünf Tagen der Wanderweg wieder ausspucken. So wanderten wir zunächst eine Art Prolog über flache, breite Waldwege, die uns die Möglichkeit gaben unsere Wanderstiefel noch mal neu zu schnüren und die Rucksäcke zu richten. Der weg führte uns zunächst ganz unspektakulär am Fuße des Grünsteins zum Königssee hinunter, wo wir zwischen viele Touristen mit unseren großen Rucksäcken und alpinen Wanderstiefeln doch irgendwie deplatziert wirkten.

Bootshäuser am Ufer des Königssees

In einem der vielen Touristen-Shops habe ich noch schnell eine Wanderkarte erworben, die einerseits praktisch ist und anderseits immer ein schönes Souvenir einer solchen Reise. Ganz nach Hobbit-Manier nahmen wir am Ufer ein zweites Frühstück bestehend aus Butterbreze und Cola ein und machten uns dann an den Aufstieg über den Malerwinkel, der uns nochmal einen schönen Ausblick von unten auf den Königssee und das darüber liegende Steinerne Meer gewährte. Nachdem wir die Talstation der Jennerbahn hinter uns gelassen hatten, wurden es auch immer weniger Menschen an denen wir trotz unserer Rucksäcke vorbeizogen. Der Weg blieb unspektakulär und führte mit moderater Steigung durch den Wald, so waren wir schnell in ein Gespräch vertieft. Erst als wir die Baumgrenze überschritten hatten und die Königsbachalm in Sicht kam wurde uns bewusst wie schnell doch der Morgen vergangen war und wir bereits über zehn Kilometer hinter uns gelassen hatten. Also kehrten wir kurz auf ein kühlendes Bier auf der Alm ein und setzten die Rucksäcke ab. Nun im Rückblick ist es wirklich beeindruckend, wie sehr der Rucksack und die Schuhe an den ersten Tagen drückten, schwer waren und sich falsch anfühlten, doch am Ende fühlte es sich fast falsch an ohne das Gewicht auf dem Rücken und dem engen Stiefel unterwegs zu sein. 20190805_123401.jpg

Nach einer weiteren Stunde nun steilerem Aufstiegs ließen wir den Jenner an uns vorbei ziehen und der Schneibstein kam in Sicht. Auf dem Joch zwischen Hohem Brett und Schneibstein liegt das Carl-Von-Stahl Haus, welches unser erstes Nachtlager sein sollte. Während wir auf der Sonnenterasse saßen und unsere Nasen in Bücher steckten oder die Bergwelten bewunderten, trudelten immer mehr Menschen mit großen Rucksäcken ein. Mit vielen sollten wir die nächsten Abende und Tage verbringen.

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Um 18 Uhr wurde auf der Hütte zum Abendessen gerufen. Stetes Treiben kam auf und schließlich war jeder Sitzplatz in der Gaststube von Wanderern besetzt. Schnell kamen Gespräche auf und man stieß mit Bier auf den Tag an. Mir persönlich war es zu voll und ich hatte keine Lust mich mit Fremden zu unterhalten. Deshalb schnappte ich mir nachdem ich das üppige Abendessen einverleibt hatte mein Skizzenbuch und den Aquarellkasten und verzog mich nach draußen auf die Terrasse. Inzwischen hatte der Wind ziemlich aufgefrischt und man konnte den Wettersturz der angekündigt war förmlich spüren. Mit Einbruch der Dunkelheit kehrte auch langsam Ruhe ein auf dem Stahlhaus. Durch die kurze vorangegangene Nacht rollte ich mich schon vor 10 in meinen Hüttenschlafsack und ließ mich vom Wind der um die Hütte rauschte in den Schlaf wiegen.

TAG 2 – Stahlhaus bis Wasseralm

Gegen 5 Uhr wurde das ganze Matratzenlager von einem markerschütternden Donnergrollen geweckt. Draußen tobte ein alpines Gewitter und mir wurde dabei ziemlich mulmig. Gleich am Morgen sollte uns nämlich unser Weg über den Gipfel des Schneibstein führen. Da es erst in einer Stunde Frühstück gab drehte ich mich noch mal um und döste zum Sturm vor mich hin, fand aber keinen Schlaf mehr. Daher schlich ich mich bald aus dem Bett und schlüpfte in meine Wanderhose, nahm mit eine Decke und ging nach draußen. Der Regen hatte aufgehört es blies jedoch noch ein starker Talseitiger Wind. Ich suchte mir ein windgeschütztes Fleckchen, warf mir die Decke über und begann mit meiner morgendlichen Meditation, die so unfassbar tief war in diesem alpinen Umfeld. Für mich begann damit eine Zeit der Einkehr. Meine Gedanken und Sorgen aus dem Alltag fielen immer mehr von mir ab. Beruf, Verpflichtungen und Pläne rückten in den Hintergrund und ich war bei mir. Seit langem mal wieder das Gefühl in mir selbst zu ruhen. Irgendwann sammelte mich Benjamin dort draußen ein und fragte ob ich mit Frühstücken komme. Mit wenig Hunger zwang ich mir zwei Käsebrote rein und wollte dann schnell los. Das Wetter wurde wieder schlechter und ich wusste, dass heute noch einiges vor uns lag. Wir räumten zügig das Lager und packten die Rucksäcke. Als ich vor die Tür trat knallte mir kalter Wind und Regen ins Gesicht. Halstuch, Jacke und Rucksack-Cover waren angesagt.

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Nach dem ersten Kilometern drehte ich mich um und war noch mal beeindruckt von der Lage und Rauheit des Stahlhauses. Es war ein perfekter Auftakt und der erste hochalpine Tag begrüßte uns mit dem schlechtesten Wetter der gesamten Reise. Die Wege wechselten von breiten Wanderwegen zunächst auf Pfade und schließlich zu alpinen Steigen. Der Stein war glitschig und der Wind zerrte ständig an der Kapuze meiner Regenjacke. Immer wieder wanderte mein Blick an die Felswand vor uns, durch die wir gleich  durchsteigen mussten. Meine Trittsicherheit ließ zu wünschen übrig, deshalb wurde ich immer langsamer. Jeder Schritt wollte mit bedacht gesetzt werden und ich nahm meine Hände öfter zu Hilfe als mir lieb war, dadurch wurden meine Hände eiskalt und meine Laune auch nicht besser. Der Königssee und der Watzmann lagen in einer Nebelsuppe und meine Orientierung litt darunter. Es war wirklich kalt. Nach fast einer Stunde erreichten wir den Grat, der endgültig jeden Schutz vor Wind unmöglich war, aber wenigsten breit genug um normales Gehtempo zu machen. Nach weiteren 30 Minuten erschienen vor uns die Gipfekreuze.

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Ein paar Dohlen saßen am Boden und schrien. Das apokalyptische Bild war komplett als der Wind noch stärker wurde. Wir hatten keine Aussicht und auch keinen Grund länger zu bleiben. Benjamin bot mir einen Schluck heißen Tee aus seiner Flasche an, der ein Wohltat war, dann machten wir uns an den Abstieg in Richtung Windscharte. Der Name kreißte mir durch den Kopf während ich von der Nässe fror. Ich beschloss meine Handschuhe anzuziehen. Wir hatten die vergangenen zwei Stunden schweigend verbracht. Ich war mit mir beschäftigt. Um uns veränderte sich die Landschaft zusehend. Das alpine und raue Schroffengelände wand sich um die Anhebungen des Hagengebirges. Alles fühlte sich außerordentlich einsam an. Die Windscharte stellte sich erfreulicher Weise als sehr windstill dar. Es folgte ein anspruchsvoller Abstieg in ein ausgewaschenes Gletscherkarst. In der Ferne war der Seeleinsee zu sehen, der die Mitte der Strecke darstellte. Nachdem wir für einige hundert Meter an Wasserrinnen und Platten abklettern musste, folgten wir wieder einem Pfad, der sich durch das Tal schlängelte. Die Kreuze der umliegenden Gipfel wirkten surreal nah. Am See angekommen suchten wir uns einen flachen Fels, der unser Mittagstisch sein sollte und labten uns an Brot und Räuchertofu. In der Einfachheit und der Abgeschiedenheit genoss ich dieses schlichte Essen, das ich mit meinem Rucksack auf den Berg gebracht habe jeden Tag mehr. Umso älter das Brot wurde, desto besser schmeckte es mir.

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Nach der Rast folgte direkt ein weiterer Anstieg hinaus auf einen Pass. Von dort öffnete sich das Tal in Richtung des Obersee des Königsee und der Regen hatte auch aufgehört. Das erste Mal an diesem Tag wechselte der Spaß von Kategorie B in Kategorie A. Es kam ein Gespräch auf. Wir lachten und quasselten. Langsam kehrte Flora und Fauna zurück. Neben uns erschien ein Bach und wir passierten verfallene Almen. Wir durchwanderten einen magischen Wald, der zu hoch war, dass Tagestouristen dort hinkamen. Orte die man nur findet wenn man weitwandert. Als der Wald sich öffnete konnten wir auf den Königssee blicken und dahinter lag die mächtig Ostwand des Watzmann. Aus dieser Perspektive habe ich sie noch nie gesehen. Der ganze Berg hat mich während der fünf Tage immer wieder an sich gefesselt und fasziniert, obwohl ich ihn schon überschritten hatte. Ich versuchte die Aussicht so viel wie möglich zu genießen, doch das Gelände wurde zunehmend anspruchsvoller und auch ausgesetzt. Immer wieder mussten wir Felsstürze überwinden, die den eigentlichen Weg abgerissen hatten. Mir ist dabei immer etwas unwohl und ich überquere solche Geröllfelder am liebsten zügig. Es folgte eine Passage mit ordentlichem Anstieg und Steigen die Kraft raubten. Die Uhr zeigte schon lange die eigentlich geplante Tagesdistanz.

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Fast 600 vertikale Meter mussten wir noch überwinden. In meinem Kopf hat ich das Höhenprofil anders in Erinnerung. Das und die Höhe des Weges haben mich ganz schön an meine Grenze gebracht. Nicht die Belastung, sondern mein Kopf. Ich hatte den Höhemesser meiner Uhr im Auge und ich wusste, dass die Wasseralm auf 1700 Metern liegt und war froh als die Höhe angezeigt war. Der Weg bewegte sich nun auch endlich weg vom Abhang und der Blick führte nicht überall in die gähnende Tief. Ich habe wohl in den letzten Jahren etwas Respekt vor Höhe bekommen, wenn ich nicht im Seil hänge. Doch nun schlängelte sich der Weg durch hohe Farne. Der Wasserfall rauschte weit entfernt. Fast prähistorisch wirkte die Natur. Unberührt und wild. Ich fantasierte, dass wir wohl für immer diesen Pfad laufen werden und niemals die Lichtung in der die Wasseralm liegt erreichen werden, doch dann wurde das Dickicht durchlässiger, man hörte Menschen und da lag sie vor uns. Ein zurückgezogener Ort ohne Strom und Handyempfang. Das Trinkwasser kommt aus der Quelle und die Wiesen werden nicht gemäht. Die Wasseralm besteht aus drei Holzhütten, dazwischen stehen Bänke. 40 Menschen können hier schlafen, an diesem Abend sind alle Betten belegt gewesen. Nachdem wir unser Nachtlager bezogen haben setzten wir uns an den Fluss und aalten uns in der Sonne, die sich nun endlich zeigte. Das Gefühl der Heimlichkeit wurde nur noch größer als eine der Hüttenwirtinnen und persönlich zum Abendessen holte. Der vergane Gemüseeintopf schmeckte nach dem langen Tag umso besser, dass ich mir sogar noch eine zweiten Teller holte.

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Viel schneller wurde es hier im Talkessel zwischen Hagengebirge und Funtenseetauern dunkel. Wir beendeten den Tag mit einem Enzian, wie er hier auf der Hütte noch gebrannt wird. Ich legte mich ins Bett und las mit Stirnlampe noch etwas. Am nächsten Morgen erzählte man mir, dass noch Hirsche zum äsen auf die Lichtung kamen. So viel Magie an einem Ort hätte ich nicht erwartet.

Route

Unser Plan war es das Gebirge rings um den Königsee einmal gegen den Uhrzeigersinn zu durchwandern. Dabei wir das Gelände von Etappe zu Etappe anspruchsvoller von einfachem Wanderweg bis zu leichter, ausgesetzter Kletterei in niedrigem Grad. Die Etappen teilten wir wie folgt ein:

Tag 1 – Ramsau über den Malerwinkel zum Carl-von-Stahl-Haus (16 km 1000hm)

Tag 2 – Stahlhaus zur Wasseralm (12km 1100hm)

Tag 3 – Wasseralm zum Kärlingerhaus am Funtensee (8km 800hm)

Tag 4 – Kärlingerhaus über Riemannhaus zur Ingolstädter Hütte (12 km 1100hm)

Tag 5 – Ingolstädter Hütte über Wimbachgries nach Ramsau (14 km 400hm)

Im vorherigen Post habe ich schon über die Vorbereitung geschrieben.

James Clear „Atomic Habits“

Viele Menschen sagen von mir, ich sei diszipliniert. Ich selbst halte mich für ziemlich faul. Ich mache Dinge die mich anstrengen eher selten freiwillig, aber mir geht einfach viel leicht von der Hand, weil es eine Angewohnheit ist. Oder in unsere aktuellen Neudeutsch ein Habit. Und nicht vergessen, dabei immer schön Mindfull bleiben! Aber genau diese kleinen Habits erleichtern mir mein Leben. Die Angewohnheit haarklein alle meine Aufgaben in mein Bullet Journal, gemeinhin Notizbuch genannt, zu schreiben, sorgt dafür dass mir (fast) nichts mehr durch die Lappen geht. Journaling ist als eine gute Angewohnheit. Seit ich tracke wann ich Alkohol trinke, trinke ich deutlich seltener Alkohol. Viel und regelmäßig Alkohol zu trinken ist ein schlechte Angewohnheit und mein Habittracker ist mein Werkzeug mit etwas abzugewöhnen. Das waren nun zwei Bespiele für Habits und wie sie mein Leben schon vorher verbessert haben. So bin ich auf James Clears Buch Atomic Habits aufmerksam geworden.

James ist Blogger, ehemaliger Baseball-Profi und Personaltrainer. Eine typisch amerikanische Karriere. Irgendwann hat er mal einen schweren Unfall gehabt und wäre fast gestorben, dadurch wurde er zu einem neuen Menschen, das kennen wir doch jetzt schon unter anderem aus „Miracle Morning“ und von „Finding Ultra“? Aber diese Nahtod-Erfahrung hat in Clears Buch gar nicht so viel Gewicht. Er leitet damit ein Kapitel ein um aufzuzeigen wie er sich vom Kleinsten ins Größte hocharbeitet. Er verteilt alles was man tut in Angewohnheiten,  Good Habits und Bad Habits, und gibt dann Anleitungen wie man die guten verstärkt und am Ball bleibt, aber auch wie man schlechten Gewohnheiten den Raum nimmt und diese schwächt. Manchmal ist der Weg zum eigentlichen Ziel nicht so steil wenn man ein paar Kurven und Umwege fährt. Und wenn ich einen Berg hochlaufen will mach ich kleine, schnelle Schritte, die möglichst ohne Kraftaufwand passieren, sonst komme ich nämlich sicher nicht im Laufschritt oben an, wenn ich überhaupt ankomme.

Atomic Habits lässt sich sehr leicht lesen, auch englisch. Es ist verständlich geschrieben und durch die Zusammenfassungen jedes Artikels am Ende bleibt extrem viel hängen. Ich würde das Buch Leuten empfehlen, die sich schwer tun mit konstantem Training, Ziele häufig nicht erreichen oder einfach schnell zurück in alte Muster verfallen. Auch Menschen, die jetzt schon ein sehr achtsames und positives Leben führen können aus dem Buch Inspiration ziehen. Allerdings gibt das Buch keinen einzigen Lösungsweg vor. Es ist somit kein klassisches Selbsthilfebuch, sondern eine Inspiration. Mich hat es unter anderem dazu inspiriert dieses Blog hier anzulegen und endlich mal wieder ohne Grenzen und Einschränkungen zu schreiben. Seit kurzem nehme ich wieder meine Gitarre in die Hand. Etwas was ich versuche seit ich 15 bin zu erlernen. Nun mit fast 33 habe ich endlich die Motivation und die Methode gefunden regelmäßig zu üben. Kritisch zu sein und das nur weil ich es als tägliche Angewohnheit angenommen habe nach der Arbeit 15 Minuten zu üben.

Ich habe hier absichtlich nichts verlinkt. Wer sich für das Buch oder James Clear interessiert, der ist sicherlich in der Lage eine Webrecherche durchzuführen. Solltet ihr das Buch lesen lasst mich doch wissen wie ihr es fandet!

Ein Leben als Fußgänger

Das Auto wir ja immer als das Lieblingsthema der Deutschen bezeichnet. Mir sind Autos so was von egal. Im Idealfall haben sie vier Räder, die, wenn man das möchte, sich auch noch drehen. Bei meinem letzten Auto tun sie das nun nicht mehr oder nur noch unter Protest. Also freut sich nun ein Exporthändler über ein mittelmäßig gepflegtes Familienauto mit Dachgepäckträger. Und ich bin erst mal nur noch Fußgänger. Wie geht das jetzt also plötzlich autofrei zu leben?

Es ist nun fünf Jahre her, dass ich mir das erste Mal ein eigenes Auto kaufen musste. Ich war gerade Vater geworden und der Kleinwagen war irgendwie nicht groß genug für den Kinderwagen und den ganzen Kram, den man meint mitschleppen zu müssen. Als junge Eltern stellt man sich auch einfach ziemlich an. Also musste ich ein größeres Auto kaufen. Ich hatte gerade erst angefangen zu arbeiten. Tatsächlich hatte ich just mein erstes volles Gehalt als Architekt bekommen. Da ist man natürlich der Meinung man müsste nun ein großes, teures Auto kaufen. Über meine Naivität kann ich heute nur den Kopf schütteln. Dabei zu lächeln fällt mir irgendwie schwer.

CUT – Fünf Jahre später: Ich stehe im Autohaus, in welchem der silberne Diesel gerade auf der Hebebühne steht. Von unten kann man in den Motorraum schauen, der eigentlich gar nicht mehr so aussieht wie ein solcher. Man stellt sich da immer so Öl-triefend und schmutzig vor, doch ich sehe nur ein paar Kabel und einen zerfledderten Keilriemen, der da heraushängt zwischen dem vielen Plastik, und das sollte er eigentlich nicht machen. Glaube ich. Im Laufe der nächsten Tage stellt sich heraus, dass nicht nur der Keilriemen, sondern noch ein paar andere Teile nicht mehr funktionieren oder kurz davor sind kaputt zu gehen. Der Wagen ist finanziert und noch nicht komplett abgezahlt. So etwas nennt man einen wirtschaftlichen Totalschaden. Ich spüre wie in mir langsam eine Krise hochkocht. Sich Panik breit macht und Verzweiflung aufkeimt. Mir wird immer deutlicher, dass ich nun wohl kein Auto mehr habe. Ich versuche mich zu beruhigen. Andere versuchen mich zu beruhigen. Es nervt.

Mit jeder Stunde, in der ich meine Identität als Fußgänger mehr akzeptiere, wird der Gedanke angenehmer. Ja, es fühlt sich fast befreiend an. Nachdem ich durchgerechnet habe, wie viel ich jährlich an Steuern und Versicherungen für einen Gegenstand zahle, der mir eigentlich nur den geringen Komfort bereitet meine Wasserkiste nicht vom Supermarkt nach Hause zu tragen, muss ich wieder über meine Naivität den Kopf schütteln. Diesmal kann ich dabei sogar schmunzeln.

Seit gestern lese ich mir die verschiedenen Modelle und Angebote der Carsharinganbieter durch und vergleiche Wochenendtarife von Leihwagen-Ketten. Dabei komme ich zum Schluss, dass ein Leben ohne Auto ziemlich sorgenfrei sein kann und zumindest für jemanden wie mich, der in der Stadt wohnt, ziemlich unkompliziert möglich ist. Dabei spart man sich auch ordentlich Kohle und die Umwelt wird auch wieder etwas entlastet. Nun gilt es herauszufinden ob das wirklich alles so reibungslos funktioniert. Ich gebe mir dafür einen Versuchszeitraum von sechs Wochen. Genau dann geht nämlich der Camper wieder in die Zulassung und ich habe zumindest ein fahrtüchtiges, wenn auch nicht für den Stadtverkehr geeignetes, Fahrzeug.

Wer noch geheime Tipps hat für das Leben ohne Auto lasst mich daran bitte in den Kommentaren teilhaben!

Zwischen Stadt und Meer

Hohe Luftfeuchtigkeit und der salzige Geruch des Mittelmeers ist allgegenwärtig. Der Sommer war lang und heiß. Eigentlich hätte man gar nicht in den Süden fahren müssen um diese Wärme zu finden. Das Gegenstück der drückenden, schwülen Temperaturen ist das Meer mit seiner moderaten Temperatur. Flache Wellen brechen am Beton und Naturstein, der vom Drang nach immer mehr Fläche, ins Meer getrieben wurde. Die Stadt pulsiert am Rand wo urbaner Raum und Natur hart aufeinander treffen.

Das eigentliche Leben der Bewohner findet in verwinkelten Gassen statt. Dort ist es kühl und schattig. Der Himmel  ist nur in schmalen Streifen zu sehen und anscheinend ist es immer Dämmerung. Die salzige Luft versucht immer noch die Stadt wieder zurück ans Land zu treiben und greift die verputzten Fassaden an. Bringt sie sogar zum bröckeln, doch nie zum Einsturz. Dieser Kampf ist vergebens. Am Tag ist es still und Katzen dösen. Erst Nachts, wenn die Touristen satt sind, kehrt leben ein. Töpfe klappern, Musik wird gespielt. Lachen und Streit erfüllen die Straßen.

Immer im Zwiespalt zwischen alt und neu. Die Ästhetik alter Gebäude und die Anforderungen einer modernen Gesellschaft zerren an den Bewohnern, und auch an der Stadt selbst. Natürlich gewachsene Strukturen können den Anforderungen der Mobilität kaum noch stand halten. Als würde man zwei Bilder übereinander legen, sind zwei Städte in einer gefangen. Wenn sich die eine Stadt durchsetzt, so wird die andere zerstört und reißt ihren Zwilling in den Untergang. Ein sensibles Gleichgewicht der Realitäten.

[Alle Bilder wurden mit ein Diana Mini auf Kodak Ektachrome 35mm Film gemacht. Die Aufnahmen sind zwischen dem 23. August und dem 5. September 2018 in Rovinj und Pula entstanden.]

Die Spülmaschine ist kaputt

Als ich vor 6 Jahren in die erste eigene Wohnung gezogen bin, habe ich eine Küche kaufen müssen. Für die, damals für mich unvorstellbare Summe von 1.600 €, habe ich diese im einzigen Möbelhaus der Stadt gekauft. Besonders wichtig war damals, dass ich eine Spülmaschine habe, weil ich spülen hasste. Genau diese Spülmaschine ist jetzt kaputt. Seit zwei Wochen spülen wir mit der Hand. Und was soll ich sagen es ist eine extrem meditative Beschäftigung.

Es hat sich schon seit Monaten angekündigt. Immer wieder mussten wir das lose Rohr im Innenraum der Maschine zurück an seinen Platz drücken und die Maschine ein zweites Mal durchlaufen lassen, weil das Geschirr nicht sauber wurde. In Deutschland gibt es zwar kein tatsächliches Wasserproblem, aber für Menschen, die auf ökologisches und nachhaltiges Handeln wertlegen, ist es doch irgendwie schmerzhaft, dass man wegen einem blöden Defekt ständig die doppelte Menge Wasser braucht, aber auch die doppelte Menge Strom. Alle Reparaturversuche, vom Sekundenkleber bis zum Gaffa-Tape, haben nicht zum Erfolg geführt. Eigentlich sage ich immer wieder, dass Dinge reparieren ein revolutionärer Akt ist, doch in diesem Falle ist wohl die Revolution gescheitert. Wir könnten uns zwar ohne Probleme eine neue Spülmaschine leisten, doch die letzten zwei Wochen, in denen wir mit der Hand spülen mussten, haben sich einige positive Effekte eingestellt. Die Küche ist ein wenig unser Sorgenkind. Da wir im Mehrgenerationen-Haus leben und meine Oma klarstellte, dass sie auf einen eigenen Herd und eigenen Kühlschrank besteht, weil sie nur so selbstbestimmt leben kann, musste ich damals, als ich das Haus saniert hab,e entscheiden, dass wir mit zwei kleinen Küchenzeilen in einer Küche leben müssen. Das führt natürlich zu Platzmangel und Platzmangel führt notgedrungen zum Chaos. Da die Spülmaschine ja jetzt nicht mehr als Lagerstelle für benutzes Geschir zur Verfügung steht, muss man also direkt alles abspülen. Dafür braucht man Platz, um das Geschirr abzutrocknen. Also brauche ich einen leeren Küchentisch. Was abgetrocknet ist kommt an seinen Platz und nix steht rum. Wenn ich etwas benutzt habe spüle ich das gleich ab. Bei einem Wasserglas oder einer Teetasse geht das genauso schnell, als würde man es in die Maschine stellen und später, falls diese ihren Dienst getan hätte, gespült ausräumt. Und mit Musik macht auch nach dem Kochen eine Großspülaktion Spaß.

Auf kurz oder lang wird wohl wieder ein Gerät bei uns einziehen. Aber ich hab mir fest vorgenommen immer mal wieder zu hinterfragen, ob ich ein einzelnes Glas nicht doch schnell mit der Hand spüle, oder ob der Teller auf dem ich mein Frühstücksbrot geschmiert habe, jetzt wirklich drei Tage in der Spülmaschine eintrocknen muss, oder ob ich ihn jetzt nicht einfach schnell abwasche.