Privilegien

[Editorial: Im Folgenden schreibt der liebe Sebi etwas über seine Gedanken, die er sich so macht über sein Leben, warum das so ist und an was es liegt. In unserer Gesellschaft ist etwas nicht mehr richtig. Warum ist das so? Die Frage stelle ich mir immer wieder. Und dann stelle ich mir oft die Frage: Was kann ich dagegen tun?

Ja, in unserer Gesellschaft ist etwas nicht mehr richtig. Das spüren wir alle. Bei Manchen entwickelt sich daraus Wut und Hass. Andere verzweifeln daran und zerbrechen. Manche beschließen etwas zu ändern und tun etwas dagegen. So habe ich entschieden, dass ich nicht nur noch für mich versuche meinen Kosmos, mein Umfeld besser zu machen, sondern auch für andere einzustehen. Ich habe beschlossen politisch wieder aktiv zu werden. Ich bin einer Partei beigetreten und organisiere mich nun. Welche und warum hat hier aktuell noch nichts verloren. Doch bevor ich das Wort an meinen geschätzten Gastautor übergebe möchte ich kurz mit Kettcar einstimmen. ]

VON DEN VERBITTERTEN IDIOTEN NICHT VERBITTERN LASSEN

Ein Gastbeitrag von Fleggo

Es geht mir gut. Verdammt gut sogar. Das muss ich mir immer wieder bewusst machen, denn viele Privilegien, die ich genieße habe ich einfach. Ich habe sie nicht vor Augen, da sie für mich einfach normal sind. Ab und zu bekomme ich sie dann aber vor Augen geführt und in letzter Zeit wurde mir erst so richtig klar, dass es wahrscheinlich nicht viele Menschen gibt, die es von den Voraussetzungen her leichter haben als ich. Warum? Ganz einfach.

Ich bin weiß. Leider immer noch ein Privileg. Ich bin Europäer.

Leider immer noch ein Privileg. Eins, für das viele tausend Menschen jährlich sterben. Wortwörtlich. Weil sie hier her kommen wollen. Nein. Weil sie nicht da bleiben können, wo sie leben wollen.

Ich bin männlich. „Gender-Pay-Gap“, „#219a“. Leider immer noch ein Privileg.

Ich bin eine Kartoffel. In Deutschland geboren zu sein ist sogar innerhalb Europas noch ein Privileg. Leider.

Das ist aber auch nur das Offensichtlichste. Das, worüber diskutiert wird, was sich momentan, zumindest in Teilen, wandelt. Es geht aber noch viel weiter:

Ich bin gesund. Leider ein viel zu oft unterschätztes Privileg.

Ich habe eine tolle, ebenfalls gesunde Familie!

Ich bin erwachsen. Ja, auch das ist ein Privileg. Siehe #FridaysForFuture, wo tausende SchülerInnen einfach nicht ernst genommen werden.

Ich kann im Großen und Ganzen tun und lassen was ich will. Dinge, in denen ich mich einschränke, schränke ich mich freiwillig ein. Ein unfassbares Privileg.

Und für all das kann ich (fast) nichts.

Ich finde es ist enorm wichtig, sich das immer wieder selbst bewusst zu machen. Denn gerade wenn es einem so gut geht verliert man das aus den Augen und erachtet es als normal, vielleicht sogar als „verdient“. Doch das ist nicht so. Das meiste ist einfach nur pures Glück. Und oftmals erkennt man das gar nicht. Ab und an wird man aber damit konfrontiert. Das zu erkennen, zu reflektieren und vielleicht das eigene Verhalten dem etwas anzupassen kann dazu führen, dass alle etwas von den eigenen Privilegien haben.

Hier noch ein paar der Dinge, die mir in letzter Zeit gewaltig vor Augen geführt haben, wie gut es mir selbst eigentlich geht:

100$ Race

Broilers – Ich will nicht hier sein

„HalbeKatoffl“-Podcast

Oder einfach Menschen, die keine „Bio-Kartoffeln“ sind und aus ihrer Sicht berichten. Immer und immer wieder. Zum Beispiel:

Twitter Thread

Ein Bericht über die Arbeit von Menschen, die den Content auf Facebook filtern müssen

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James Clear „Atomic Habits“

Viele Menschen sagen von mir, ich sei diszipliniert. Ich selbst halte mich für ziemlich faul. Ich mache Dinge die mich anstrengen eher selten freiwillig, aber mir geht einfach viel leicht von der Hand, weil es eine Angewohnheit ist. Oder in unsere aktuellen Neudeutsch ein Habit. Und nicht vergessen, dabei immer schön Mindfull bleiben! Aber genau diese kleinen Habits erleichtern mir mein Leben. Die Angewohnheit haarklein alle meine Aufgaben in mein Bullet Journal, gemeinhin Notizbuch genannt, zu schreiben, sorgt dafür dass mir (fast) nichts mehr durch die Lappen geht. Journaling ist als eine gute Angewohnheit. Seit ich tracke wann ich Alkohol trinke, trinke ich deutlich seltener Alkohol. Viel und regelmäßig Alkohol zu trinken ist ein schlechte Angewohnheit und mein Habittracker ist mein Werkzeug mit etwas abzugewöhnen. Das waren nun zwei Bespiele für Habits und wie sie mein Leben schon vorher verbessert haben. So bin ich auf James Clears Buch Atomic Habits aufmerksam geworden.

James ist Blogger, ehemaliger Baseball-Profi und Personaltrainer. Eine typisch amerikanische Karriere. Irgendwann hat er mal einen schweren Unfall gehabt und wäre fast gestorben, dadurch wurde er zu einem neuen Menschen, das kennen wir doch jetzt schon unter anderem aus „Miracle Morning“ und von „Finding Ultra“? Aber diese Nahtod-Erfahrung hat in Clears Buch gar nicht so viel Gewicht. Er leitet damit ein Kapitel ein um aufzuzeigen wie er sich vom Kleinsten ins Größte hocharbeitet. Er verteilt alles was man tut in Angewohnheiten,  Good Habits und Bad Habits, und gibt dann Anleitungen wie man die guten verstärkt und am Ball bleibt, aber auch wie man schlechten Gewohnheiten den Raum nimmt und diese schwächt. Manchmal ist der Weg zum eigentlichen Ziel nicht so steil wenn man ein paar Kurven und Umwege fährt. Und wenn ich einen Berg hochlaufen will mach ich kleine, schnelle Schritte, die möglichst ohne Kraftaufwand passieren, sonst komme ich nämlich sicher nicht im Laufschritt oben an, wenn ich überhaupt ankomme.

Atomic Habits lässt sich sehr leicht lesen, auch englisch. Es ist verständlich geschrieben und durch die Zusammenfassungen jedes Artikels am Ende bleibt extrem viel hängen. Ich würde das Buch Leuten empfehlen, die sich schwer tun mit konstantem Training, Ziele häufig nicht erreichen oder einfach schnell zurück in alte Muster verfallen. Auch Menschen, die jetzt schon ein sehr achtsames und positives Leben führen können aus dem Buch Inspiration ziehen. Allerdings gibt das Buch keinen einzigen Lösungsweg vor. Es ist somit kein klassisches Selbsthilfebuch, sondern eine Inspiration. Mich hat es unter anderem dazu inspiriert dieses Blog hier anzulegen und endlich mal wieder ohne Grenzen und Einschränkungen zu schreiben. Seit kurzem nehme ich wieder meine Gitarre in die Hand. Etwas was ich versuche seit ich 15 bin zu erlernen. Nun mit fast 33 habe ich endlich die Motivation und die Methode gefunden regelmäßig zu üben. Kritisch zu sein und das nur weil ich es als tägliche Angewohnheit angenommen habe nach der Arbeit 15 Minuten zu üben.

Ich habe hier absichtlich nichts verlinkt. Wer sich für das Buch oder James Clear interessiert, der ist sicherlich in der Lage eine Webrecherche durchzuführen. Solltet ihr das Buch lesen lasst mich doch wissen wie ihr es fandet!

Ein Leben als Fußgänger

Das Auto wir ja immer als das Lieblingsthema der Deutschen bezeichnet. Mir sind Autos so was von egal. Im Idealfall haben sie vier Räder, die, wenn man das möchte, sich auch noch drehen. Bei meinem letzten Auto tun sie das nun nicht mehr oder nur noch unter Protest. Also freut sich nun ein Exporthändler über ein mittelmäßig gepflegtes Familienauto mit Dachgepäckträger. Und ich bin erst mal nur noch Fußgänger. Wie geht das jetzt also plötzlich autofrei zu leben?

Es ist nun fünf Jahre her, dass ich mir das erste Mal ein eigenes Auto kaufen musste. Ich war gerade Vater geworden und der Kleinwagen war irgendwie nicht groß genug für den Kinderwagen und den ganzen Kram, den man meint mitschleppen zu müssen. Als junge Eltern stellt man sich auch einfach ziemlich an. Also musste ich ein größeres Auto kaufen. Ich hatte gerade erst angefangen zu arbeiten. Tatsächlich hatte ich just mein erstes volles Gehalt als Architekt bekommen. Da ist man natürlich der Meinung man müsste nun ein großes, teures Auto kaufen. Über meine Naivität kann ich heute nur den Kopf schütteln. Dabei zu lächeln fällt mir irgendwie schwer.

CUT – Fünf Jahre später: Ich stehe im Autohaus, in welchem der silberne Diesel gerade auf der Hebebühne steht. Von unten kann man in den Motorraum schauen, der eigentlich gar nicht mehr so aussieht wie ein solcher. Man stellt sich da immer so Öl-triefend und schmutzig vor, doch ich sehe nur ein paar Kabel und einen zerfledderten Keilriemen, der da heraushängt zwischen dem vielen Plastik, und das sollte er eigentlich nicht machen. Glaube ich. Im Laufe der nächsten Tage stellt sich heraus, dass nicht nur der Keilriemen, sondern noch ein paar andere Teile nicht mehr funktionieren oder kurz davor sind kaputt zu gehen. Der Wagen ist finanziert und noch nicht komplett abgezahlt. So etwas nennt man einen wirtschaftlichen Totalschaden. Ich spüre wie in mir langsam eine Krise hochkocht. Sich Panik breit macht und Verzweiflung aufkeimt. Mir wird immer deutlicher, dass ich nun wohl kein Auto mehr habe. Ich versuche mich zu beruhigen. Andere versuchen mich zu beruhigen. Es nervt.

Mit jeder Stunde, in der ich meine Identität als Fußgänger mehr akzeptiere, wird der Gedanke angenehmer. Ja, es fühlt sich fast befreiend an. Nachdem ich durchgerechnet habe, wie viel ich jährlich an Steuern und Versicherungen für einen Gegenstand zahle, der mir eigentlich nur den geringen Komfort bereitet meine Wasserkiste nicht vom Supermarkt nach Hause zu tragen, muss ich wieder über meine Naivität den Kopf schütteln. Diesmal kann ich dabei sogar schmunzeln.

Seit gestern lese ich mir die verschiedenen Modelle und Angebote der Carsharinganbieter durch und vergleiche Wochenendtarife von Leihwagen-Ketten. Dabei komme ich zum Schluss, dass ein Leben ohne Auto ziemlich sorgenfrei sein kann und zumindest für jemanden wie mich, der in der Stadt wohnt, ziemlich unkompliziert möglich ist. Dabei spart man sich auch ordentlich Kohle und die Umwelt wird auch wieder etwas entlastet. Nun gilt es herauszufinden ob das wirklich alles so reibungslos funktioniert. Ich gebe mir dafür einen Versuchszeitraum von sechs Wochen. Genau dann geht nämlich der Camper wieder in die Zulassung und ich habe zumindest ein fahrtüchtiges, wenn auch nicht für den Stadtverkehr geeignetes, Fahrzeug.

Wer noch geheime Tipps hat für das Leben ohne Auto lasst mich daran bitte in den Kommentaren teilhaben!

Zwischen Stadt und Meer

Hohe Luftfeuchtigkeit und der salzige Geruch des Mittelmeers ist allgegenwärtig. Der Sommer war lang und heiß. Eigentlich hätte man gar nicht in den Süden fahren müssen um diese Wärme zu finden. Das Gegenstück der drückenden, schwülen Temperaturen ist das Meer mit seiner moderaten Temperatur. Flache Wellen brechen am Beton und Naturstein, der vom Drang nach immer mehr Fläche, ins Meer getrieben wurde. Die Stadt pulsiert am Rand wo urbaner Raum und Natur hart aufeinander treffen.

Das eigentliche Leben der Bewohner findet in verwinkelten Gassen statt. Dort ist es kühl und schattig. Der Himmel  ist nur in schmalen Streifen zu sehen und anscheinend ist es immer Dämmerung. Die salzige Luft versucht immer noch die Stadt wieder zurück ans Land zu treiben und greift die verputzten Fassaden an. Bringt sie sogar zum bröckeln, doch nie zum Einsturz. Dieser Kampf ist vergebens. Am Tag ist es still und Katzen dösen. Erst Nachts, wenn die Touristen satt sind, kehrt leben ein. Töpfe klappern, Musik wird gespielt. Lachen und Streit erfüllen die Straßen.

Immer im Zwiespalt zwischen alt und neu. Die Ästhetik alter Gebäude und die Anforderungen einer modernen Gesellschaft zerren an den Bewohnern, und auch an der Stadt selbst. Natürlich gewachsene Strukturen können den Anforderungen der Mobilität kaum noch stand halten. Als würde man zwei Bilder übereinander legen, sind zwei Städte in einer gefangen. Wenn sich die eine Stadt durchsetzt, so wird die andere zerstört und reißt ihren Zwilling in den Untergang. Ein sensibles Gleichgewicht der Realitäten.

[Alle Bilder wurden mit ein Diana Mini auf Kodak Ektachrome 35mm Film gemacht. Die Aufnahmen sind zwischen dem 23. August und dem 5. September 2018 in Rovinj und Pula entstanden.]

Die Spülmaschine ist kaputt

Als ich vor 6 Jahren in die erste eigene Wohnung gezogen bin, habe ich eine Küche kaufen müssen. Für die, damals für mich unvorstellbare Summe von 1.600 €, habe ich diese im einzigen Möbelhaus der Stadt gekauft. Besonders wichtig war damals, dass ich eine Spülmaschine habe, weil ich spülen hasste. Genau diese Spülmaschine ist jetzt kaputt. Seit zwei Wochen spülen wir mit der Hand. Und was soll ich sagen es ist eine extrem meditative Beschäftigung.

Es hat sich schon seit Monaten angekündigt. Immer wieder mussten wir das lose Rohr im Innenraum der Maschine zurück an seinen Platz drücken und die Maschine ein zweites Mal durchlaufen lassen, weil das Geschirr nicht sauber wurde. In Deutschland gibt es zwar kein tatsächliches Wasserproblem, aber für Menschen, die auf ökologisches und nachhaltiges Handeln wertlegen, ist es doch irgendwie schmerzhaft, dass man wegen einem blöden Defekt ständig die doppelte Menge Wasser braucht, aber auch die doppelte Menge Strom. Alle Reparaturversuche, vom Sekundenkleber bis zum Gaffa-Tape, haben nicht zum Erfolg geführt. Eigentlich sage ich immer wieder, dass Dinge reparieren ein revolutionärer Akt ist, doch in diesem Falle ist wohl die Revolution gescheitert. Wir könnten uns zwar ohne Probleme eine neue Spülmaschine leisten, doch die letzten zwei Wochen, in denen wir mit der Hand spülen mussten, haben sich einige positive Effekte eingestellt. Die Küche ist ein wenig unser Sorgenkind. Da wir im Mehrgenerationen-Haus leben und meine Oma klarstellte, dass sie auf einen eigenen Herd und eigenen Kühlschrank besteht, weil sie nur so selbstbestimmt leben kann, musste ich damals, als ich das Haus saniert hab,e entscheiden, dass wir mit zwei kleinen Küchenzeilen in einer Küche leben müssen. Das führt natürlich zu Platzmangel und Platzmangel führt notgedrungen zum Chaos. Da die Spülmaschine ja jetzt nicht mehr als Lagerstelle für benutzes Geschir zur Verfügung steht, muss man also direkt alles abspülen. Dafür braucht man Platz, um das Geschirr abzutrocknen. Also brauche ich einen leeren Küchentisch. Was abgetrocknet ist kommt an seinen Platz und nix steht rum. Wenn ich etwas benutzt habe spüle ich das gleich ab. Bei einem Wasserglas oder einer Teetasse geht das genauso schnell, als würde man es in die Maschine stellen und später, falls diese ihren Dienst getan hätte, gespült ausräumt. Und mit Musik macht auch nach dem Kochen eine Großspülaktion Spaß.

Auf kurz oder lang wird wohl wieder ein Gerät bei uns einziehen. Aber ich hab mir fest vorgenommen immer mal wieder zu hinterfragen, ob ich ein einzelnes Glas nicht doch schnell mit der Hand spüle, oder ob der Teller auf dem ich mein Frühstücksbrot geschmiert habe, jetzt wirklich drei Tage in der Spülmaschine eintrocknen muss, oder ob ich ihn jetzt nicht einfach schnell abwasche.

Fleggos Album des Jahres 2018

[GASTBEITRAG]

Eigentlich wollte ich schon lange was bloggen. Eigentlich sollte es dabei auch um Musik gehen. Allerdings ist mein Blog so Sport fokussiert, dass ein „Albumreview“ eigentlich nicht passt. Eigentlich hatte ich den Gedanken also verworfen.

Irgendwie ging es dem Herrn Hut da ähnlich und wie es der Zufall manchmal so will haute er einen neuen Blog raus ins weite Netz und startete mit einem Beitrag zu seinem Album 2018. Eigentlich ein Gedanke, den ich auch hatte. Diesen teilte ich ihm dann sogleich mit, verbunden mit einem Lob für sein tolles Review und schwuppdiwupp hatte ich von ihm die Einladung meinen Text hier zu veröffentlichen. Eigentlich nicht schlecht oder? Eigentlich! Denn: Was genau schreibe ich denn jetzt eigentlich?

Mir schwirrt schon lange der Gedanke im Kopf einfach eine kleine Artikelserie im eigenen Laufblog zu starten und vielleicht einmal wöchentlich einen Song aus meiner Laufplaylist vorzustellen. Warum ist er auf der Liste, was ist das Besondere daran usw. Da ich das aber sehr gut mit dem Thema meines Blogs verbinden kann muss ich darüber ja nicht hier schreiben. Also nehme ich den eigenen und von Flo bereits verarbeiteten Gedanken auf und Schreibe etwas zu meinem Album 2018: Gaijin von Kmpfsprt.

Bei der Fülle an starken Alben, die gerade Anfang des Jahres herausgekommen sind (Donots – Lauter als Bomben, Feine Sahne Fischfilet – Sturm und Dreck, Radio Havannah – Utopia, später ZSK – Hallo Hoffnung, Adam Angst – Neintology) überrascht es mich selbst, dass es für mich so eindeutig ganz oben steht. Wie man an der Auflistung sieht ist – zumindest was die von mir tatsächlich physikalisch gekauften Alben angeht – die musikalische Bandbreite nicht so riesig. Die Alben sind alle stark, aber Gaijin ist komplett. In sich stimmig. Von vorne bis hinten. Es ist eine Platte, die von Anfang bis Ende Vollgas gibt. Ganz selten, aber immer passend, werden, wenn auch nur kurz, ruhigere Momente eingeschoben in einen der 11 Songs eingeschoben.

Inhaltlich baut das Album eine umfassende Gesellschaftskritik auf, die vom ganz Kleinen bis zum Großen reicht:

Das Album startet Mit „Trümmer“ direkt auf der persönlichen Ebene:

„Die limitierten Sneaker stehen zuhause in der Ecke

Weil ich sie besitze geht mein Fame bald durch die Decke

Was im Rest der Welt passiert ist mir eigentlich egal

Ich muss WhatsApp noch erzähl’n wie die Yogastunde war“

Der Chorus steigert sich dann im Vorwurf an ‚Versagen‘ des Einzelnen:

„Tanz Tanz

Auf den Trümmern der Welt

Tanz Tanz

Auf dem Rhythmus von Geld

So viel Chancen

Aber niemals dafür Zeit“

Song 2 – Schwarz – schafft den Bezug zum Albumtitel (Gaijin – Außenseiter) und damit ein Gruppengefühl. Auch wenn man sich nicht direkt damit identifizieren kann, kann man sich doch trotzdem absolut hineinversetzen. Ähnlich kenne ich das am ehesten von Kraftklub (Zwei Dosen Sprite).

Nachdem geklärt ist, auf welcher Seite man steht geht es ans Große:

„Und lauthals singt der Chor

das Schlimmste steht uns noch bevor

wenn wir nicht auf die Straße gehen.

Denn mit Pauken und Trompeten

wird die Welt kaputt getreten

wir stehn nicht länger daneben

wir stehn dagegen“ Pauken & Trompeten (Song 3)

„Überall auf der Welt

sind die Särge schon bestellt.

Stehen bereit bis irgendeiner wieder durchdreht

und in Windeseile wieder neuen Hass sät.“ Kreuze (Song 4)

In Wucht, Inhalt und Qualität hält die Platte von Anfang bis Ende das hohe Niveau des Anfangs und schafft es gegen Ende sogar sich nochmal selbst zu übertreffen. Die drei Titel, die in meinen Augen nochmal einen Tick über den anderen stehen möchte ich besonders herausheben, ohne viele Worte darüber zu verlieren. Hört vielleicht einfach mal rein:

Asche (8)

„Egal woher wir kommen, es zählt nur wohin wir gehen!“

Freut euch nicht zu spät (9)

„Du hast die Rolex doch ich hab die Zeit

Du hast auch den Benz doch ich hab’s nicht weit!“

Herzschrittmacher (11)

„Ich nehme nicht in Kauf, dass der Hass uns niederschlägt. Pass auf dein Herz auf!“

[Editorial Note]:

Danke mein lieber Fleggo für dein Einblick, für den Tipp und für deine Bereitschaft zur Partizipation. Musik ist der Soundtrack zu diesem völlig verrückten Film, in dem wir leben und gehört wohl für mich und für viele andere dazu wie die Luft zum Atmen.

Dieser Blog gehört nicht mir, jeder darf hier partizipieren, ich bin nur der Chefredakteur, der nix zu melden hat! Wer also was schreiben will unter der dem Banner dieser Seite, der darf das gerne tun. Schreib mir doch einfach ne Email!


50 Minuten Polarkreis

Mein Album des Jahres 2018 – Noorvik – Noorvik

Als vor etwa acht Jahren Streaming-Dienste wirklich bekannt und erfolgreich wurden, haben viele das Ende der Musikbranche prophezeit. Gar apokalyptische Szenen wurden gezeichnet, von Weltstars, die plötzlich nicht mehr hauptberuflich Musiker sein können. Alles ist nicht passiert. Im Gegenteil, es war nie so einfach für kleine, noch unbekannte Bands Musik öffentlich zu machen. Und sind wir mal ehrlich, die kleinen Musiker, die ich so schätze, die die Musik machen die mich berührt, konnten noch nie von Plattenverkäufen leben, genauso wenig wie von einer Tour. Es wurden häufig Alben auch kostenlos zum Download angeboten um die Musik die man gemacht hat möglichst vielen Menschen zur Verfügung zu stellen. Ein Autor schreibt doch seine Bücher auch damit sie gelesen werden. Musiker wollen dass ihre Musik gehört wird. Davon leben wäre schön, aber gelingt nun mal den wenigsten.

Trotzdem hat Streaming bei mir einiges an Hörgewohnheiten verändert. Früher kaufte ich ein Album, zunächst auf CD, später digital und hörte dieses Album immer wieder komplett durch. Ich liebe Alben, ich sehe sie als Gesamtwerk und es missfällt mir einzelne Teile heraus zu nehmen. Aber durchs Streaming habe ich begonnen einzelne Lieder in eine oder verschiedenen Playlists zu werfen und diese auf Shuffle zu hören. Aber ich höre weiterhin ganze Alben, wenn auch nicht mehr so oft wie früher. Aber durch die einfache Verfügbarkeit höre ich besonders viele verschiedene Platten. Die letzten Tage habe ich viel gegrübelt welches Album mir besonders wichtig ist, welches heraussticht. Ich kam auf keinen grünen Zweig. Als ich gestern dann aber im frostigen und verschneiten Frankenwald laufen war und mir dachte, dass es hier gerade aussehe wie in Alaska oder Kanada kam mir plötzlich der Gedanke an dieses eine Album, das ich ständig hörte, manchmal täglich. Es war das Album Noorvik der gleichnamigen Band. Noorvik spielen progressiven Postrock und kommen gänzlich ohne Gesang aus. Das lässt Raum zur Interpretation. Die Titel der Songs geben einen Hinweis wo sich der Ort befindet, der da musikalisch gemalt wird. Ich lasse mich gern dort hin entführen.

https://bandcamp.com/EmbeddedPlayer/album=2157331778/size=large/bgcol=ffffff/linkcol=0687f5/tracklist=false/transparent=true/

DENALI

Synthesizer mit viel Echo leiten den Song ein, ein Gitarren-Pick im Duett steigt ein, ein ruhiges Schlagzeug. Während dem ganzen Stück steigert sich die Intensität und die Härte, als würde man auf eben diesen titelgebenden höchsten Berg Nordamerikas steigen. Dramatik und Harmonie. Härte und Hoffnung. Kurz kehren wir zum ruhigen Anfangsriff zurück bevor der Song in seinem Finale gipfelt und sich der Spannungsbogen in den fast fünfminütigen Klimax ergießt und in ruhigen Synthie klängen verklingt.

SHISHALDIN

Das ist Vulkan zwischen Ost-Kanada und Island. Von den Ureinwohnern, den Aleuten, wurde der Berg Sisquk genannt, was so viel heißt wie „Der Berg der mir den Weg zeigt wenn ich mich verirrte habe“. Das Stück beginnt aufwühlender, schwerer und bedrückender. Ein Basslauf bildet das Rückgrat auf dem Gitarren stoisch tanzen. Das Schlagzeug drängt sich kurz nach vorne, bevor mächtige Riffs die Tür aufstoßen und Harmonien über den Bass ergossen werden. Bedrohlich wartet man auf den nächsten Ausbruch des Vulkans und wird nicht enttäuscht. In der letzten Minute kommt es zur Eruption des wahrscheinlich stärkstem Riff der Platte.

MALASPINA

Dieses Riff ergießt sich in den nächsten Song und wird von harten Gitarren aufgefangen, die den Hörer in ruhigere Sphären bringt, mein erster Gedanke war ein kalter Fluss, der sich durch raue Natur schlängelt. Kein Lebewesen, nur die Harmonie der unberührten Wildnis. Diesem Flusslauf kann man nun Folgen bis zu seinem Ursprung aus dem Malaspinagletscher an der südlichen Pazifikküste Kanadas, der zu den größten Vorlandgletschern dieser Erde zählt. Auch der Song kommt dort nach etwa viereinhalb Minuten an und die Harmonien bauen sich zu gewaltigen Gitarrenwänden auf, die sich anfühlen wie die zerklüfteten Gletscherspalten.

CHUGACH

Dem Sägezahn-Profil einer Gebirgskette folgend beginnt der Song, um direkt in einen ruhigen Part zu wechseln, der den einzigen gesprochenen Text der gesamten Platte enthält, in dem ein Sprecher über die Stadt Noorvik. Namensgebend ist hier jedoch die Chugach-Gebirgskette im Golf von Alaska. Und spätestens wenn nach 5 Minuten eine Doublebass Druck in den sonst eher ruhigem Lied aufbaut, weiß man dass der Song die unterschiedliche Flora und Fauna des US-Bundesstaats Alaska umschreibt. von wilden Wäldern bis zu einsamer Tundra.

KOBUK

Besinnlich und fast schon still beginnt das Stück, das nun wirklich einen Städtenamen trägt. Man kann es an urbanen Klängen erahnen, die sich wie die Morgensonne klar und grell durch verschneite Straßen ergießt. Die Stimmung baut sich viel ruhiger auf als bei den anderen Stücken der Platte. Es strahlt Freude aus, als würde sich nach einem langen Winter die ersten Anzeichen des Frühlings zeigen. Hoffnung lässt sich nicht wegdiskutieren.

TURNAGAIN

Beim letzten Song des Albums ist das Thema des Wassers wieder klar erkenntlich. Behaglich fließen wir zunächst durch den Arm des Wasserwegs, der den Golf von Alaska mit dem Cook Inlet verbindet. Die härteren Töne kehren zurück und beleuchten den am dichtesten zivilisierten Teil Alaskas. Drohend, ermahnend wirkt der Song. Wie viel Recht hat der Mensch sich dieses Wildnis zu eigen zu machen, wohlwissentlich, dass jedes Land in das die Menschheit ihren Fuß gesetzt hat für immer verändert wurde. Mit dieser Dramatik spuckt einen Noovik wieder zurück in die Realität.